Bantleon Kommentar : Die deutsche Autoindustrie hat noch einen Freund: die Weltwirtschaft

Die deutsche Autoindustrie bezieht derzeit von allen Seiten Prügel und steht mit dem Rücken zur Wand. Schon werden Totgesänge auf die deutsche Vorzeigebranche angestimmt……..

 

Dr. Daniel Hartmann Senior Analyst Economic Research


Das langfristige Überleben ist in der Tat ungewiss. Für den kurzfristigen Ausblick ist jedoch die weltwirtschaftliche Entwicklung bedeutsamer als die Skandale. Aus unserer Sicht wird sich die globale Konjunktur zwar in den nächsten Monaten leicht abkühlen. Ein Einbruch ist indes nicht absehbar. Der deutsche Fahrzeugbau sollte daher die zweite Jahreshälfte gut überstehen. Ähnliches gilt für die deutsche Konjunktur und die Aktienmärkte. Lediglich Rückschläge – aber keine Abstürze – zeichnen sich ab.

Ist erst einmal der Damm gebrochen, dann gibt es kein Halten mehr. Das bekommt derzeit die deutsche Autoindustrie zu spüren. Spätestens die Kartellvorwürfe haben den VW-Dieselskandal zu einer Krise der gesamten Branche auswachsen lassen. In der vergangenen Woche ebnete ausserdem das Stuttgarter Verwaltungsgericht den Weg für Diesel-Fahrverbote in Städten. Fast im gleichen Atemzug verhängte der Verkehrsminister die erste Zulassungssperre (für den Porsche Cayenne). Damit aber nicht genug der Hiobsbotschaften: Audi steckt in einer Führungskrise (4 Vorstände entlassen), der Zulieferer Bosch gerät immer stärker ins Visier der Staatsanwaltschaft und selbst BMW – bislang eher Zuschauer – scheint stärker in den Abgasskandal verwickelt als gedacht. Das VW überdies die einstige brasilianische Militärdiktatur jahrelang unterstützt haben soll, ist nur eine Randnotiz wert.

Auch von ausserhalb Deutschlands hagelt es Nackenschläge. So mussten VW, BMW, Daimler & Co. mitansehen, wie Elon Musk sich für die Auslieferung der ersten 30 »Model 3«-Fahrzeuge feiern liess. Das Vereinigte Königreich plant derweil, ab 2040 den Verbrennungsmotor von den Strassen zu verbannen.

In Anbetracht dieser Gemengelage ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Totgesänge auf die deutsche Autobranche – ja der gesamten deutschen Wirtschaft – angestimmt werden. Zweifellos steht viel auf dem Spiel. Der Fahrzeugbau ist in den vergangenen 20 Jahren von einem wichtigen zum dominierenden deutschen Industriesektor aufgestiegen. Inzwischen entfallen auf ihn 20% der industriellen Wertschöpfung in Deutschland (im Jahr 2000 waren es unter 13%). Die wahre Bedeutung dürfte aber noch viel grösser sein, denn für andere Sektoren (Metallherstellung, Gummi, Kunststoffe, Elektrotechnik) ist der Fahrzeugbau inzwischen der grösste Abnehmer.

Das Überleben der deutschen Autobauer hängt langfristig von vielen Faktoren ab: Können die internen Beharrungskräfte der arrivierten Technologien endlich abgeschüttelt werden? Setzt die Politik die richtigen Rahmenbedingungen (dichtes Netz an Ladestationen)?

Eine andere Frage ist, ob die Skandale auch der aktuell guten Konjunktur in Deutschland den Garaus machen. Sicherlich läuft das Fass einmal über. Wenn die Negativschlagzeilen nicht aufhören, wird sich dies irgendwann belastend in den Geschäftserwartungen niederschlagen. Bis einschliesslich Juli war dies aber nicht der Fall. Laut IFO-Umfrage war die Geschäftslage nie besser als heute und auch der Ausblick blieb freundlich. Dazu passt, dass ausgerechnet VW für das 2. Quartal einen Umsatzrekord vermeldete (knapp 60 Mrd. EUR).

Insgesamt war die weltwirtschaftliche Nachfrage nach Pkws in den vergangenen Monaten so stark, dass dies alle anderen Probleme in den Hintergrund drängte. Selbst der rückläufige Absatz von Dieselfahrzeugen konnte ausgeglichen werden. Auch für die kommenden Monate dürfte gelten: Das weltwirtschaftliche Umfeld ist die entscheidende Grösse und nicht die Skandale.

Kurzfristig deutet sich bei der globalen Nachfrage kein Einbruch an. Die chinesische Wirtschaft hält sich besser als gedacht und in den USA dürfte das Wachstum in den nächsten Monaten sogar leicht anziehen. Allerdings rechnen wir im Lauf des 2. Halbjahres mit einer moderaten Abkühlung in Asien. Darüber hinaus dürfte sich die Abschwächung in Grossbritannien fortsetzen. Es zeichnet sich damit eine holprige zweite Jahreshälfte für die Autoindustrie ab. Das Umsatzwachstum wird nachlassen, aber nicht einbrechen.

Dementsprechend fallen auch die Aussichten für den deutschen Aktienmarkt durchwachsen aus. Wenn sich der Rauch der Hiobsbotschaften verzogen hat, ist nochmals ein Aufbäumen möglich. Danach kündigt sich aber erneut eine Korrektur an, die indessen nicht in einen Absturz münden sollte.

 

Quelle: AdvisorWorld.ch