Barings: „Mögest du in interessanten Zeiten leben“

In Asien gibt es einen alten chinesischen Fluch, der lautet: „Mögest du in interessanten Zeiten leben“. Der Fluch ist nicht so widersprüchlich, wie es zunächst scheint. Die Redewendung macht deutlich, dass bewegte Zeiten zwar erfolgreich Geschichte schreiben, sie aber möglicherweise nicht so vielversprechend sind wie tatsächlich gelebte Erfahrung……

 

Von HyungJin Lee, Head of Asian Equities, Barings, Hong Kong


Unserer Ansicht nach sind die „interessanten Zeiten“ von heute kein Fluch, sondern eine Zeit, um Chancen zu ergreifen. Wir investieren vor einem langfristigen Zeithorizont und sind der Auffassung, dass 2017 ein positives Umfeld für das Aufspüren von günstig bewerteten Unternehmen bieten könnte, die ein überzeugendes Aufwärtspotenzial und gleichzeitig ein voraussichtlich starkes Ertragswachstum aufweisen.

Für den Ausblick für Asien und die starken zugrundeliegenden Wachstumsfaktoren der Region bleiben wir realistisch und nicht pessimistisch eingestellt, auch wenn die zunehmende Unsicherheit eine höhere Volatilität nach sich ziehen könnte.

Interessante Zeiten und altmodisches Wachstum

Viele Marktteilnehmer werden sich fragen, ob dieses Jahr frische Kräfte entstehen, die die Märkte neugestalten und die neue Normalität von gestern wegfegen. Da die Politik in den Industrieländern auf den Kopf gestellt wurde und das Zinsniveau in den USA einem Aufwärtstrend folgt, gehen die Einschätzungen für den Ausblick für 2017 auseinander. Es scheint, als würden wir heute eher in „interessanten Zeiten“ leben, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in den letzten Jahren. Aber die augenscheinlich positive Bedeutung dieser alten chinesischen Redewendung täuscht über ihren wahren Sinngehalt hinweg. Es handelt sich nicht um einen Segen, sondern um einen Fluch, der eine Vorahnung beinhaltet und darauf hindeutet, dass die Dramatik in bewegten Zeiten ein schlechtes Omen für den Aufbau von Wohlstand und Reichtum ist.

Unserer Ansicht nach sind die „interessanten Zeiten“ von heute jedoch kein Fluch, sondern eine Zeit, um Chancen zu ergreifen. Wir erwähnten häufig, dass Asien einer der wenigen Investitionsbereiche ist, wo die wichtigsten treibenden Faktoren für den Aktienmarkt noch „altmodisch“ sind und auf dem Wachstum von Wirtschaft und Unternehmensgewinnen aufbauen, anstatt auf Rohstoffzyklen und Geld- und Fiskalpolitik.

Diese altmodischen Treiber wirken noch immer und untermauern die fortwährende Transformation der Region. Wir finden hier beständige strukturelle Wachstumstreiber wie den demografischen Wandel, ein steigendes Einkommensniveau und die Entstehung innovativer Spitzenunternehmen. Als aktive Manager, die nach dem Bottom-up-Ansatz vorgehen, können wir die für uns attraktivsten Wachstumsbereiche genau festlegen und uns in diesen direkt auf Unternehmensebene engagieren. Im Konsumsegment sehen wir beispielsweise eine Transformation des Einzelhandels aufgrund steigender Einkommen. Wir erkennen Chancen im Bereich von modernen Convenience Stores, die sich über ganz Südostasien erstrecken sowie Opportunitäten durch die zunehmende Nutzung von sozialen Medien seitens der Unternehmen, um Waren und Dienstleistungen an ihre Kunden zu vermarkten und zu verkaufen.

Obwohl wir also eine Neubeurteilung von Risiko und Ertrag beobachten können, was der Rally des amerikanischen Aktienmarkts der letzten Monate, basierend auf der Aussicht auf Steuersenkungen und Deregulierung, der Erholung des Ölpreises von den Tiefstständen im letzten Jahr sowie der Marktkorrektur in Russland zuzuschreiben ist, sind wir nach wie vor der Auffassung, dass im Bereich der asiatischen Aktien auch weiterhin überzeugende Anlagechancen zu finden sind.

Der China-Faktor

China stellt den größten Markt innerhalb der Region dar und die Entwicklungen des Landes sind somit für die Wertentwicklung des asiatischen Aktienmarkts im Jahr 2017 und darüber hinaus von entscheidender Bedeutung. Die sich leicht abschwächende Wachstumsrate könnte zwar tatsächlich Herausforderungen mit sich bringen, mit einem geschätzten realen BIP von 6% für letztes Jahr liegt sie dennoch höher als bei vielen anderen großen Volkswirtschaften. Darüber hinaus deutet der aktuelle Trend des Einkaufsmanagerindex des Landes für das verarbeitende Gewerbe darauf hin, dass China das Ende der Talsohle des Zyklus erreicht hat und auf dem Weg der Erholung ist. Eine stärkere Wirtschaftstätigkeit in China könnte anderen asiatischen Märkten, angefangen von den ASEAN-Ländern bis Korea, mit denen das Land wirtschaftlich eng verbunden ist, Auftrieb verleihen.

Riskante Geschäfte?

Wir sind keine blauäugigen Optimisten. Wahrscheinlich erkennen wir mögliche Fallstricke klarer und schneller als die meisten anderen, wir wissen aber auch, dass eine realistische Beurteilung des Risikos dazu beitragen kann, diese zu vermeiden und sie zusätzlich zu besseren Anlageergebnissen führt.

Die Handelspolitik der neuen Regierung in den USA ist derzeit wahrscheinlich das wichtigste Thema in den Köpfen der Anleger. Wir behalten die Entwicklungen diesbezüglich weiterhin genau im Auge. Bisher ist unklar, welche Veränderungen die neue Regierung in der Handelspolitik vornehmen wird, wir stellen jedoch fest, dass alle Anzeichen der chinesischen Landesführung für einen kontinuierlichen Vorstoß in Richtung offener und freier internationaler Märkte stehen.

In der Vergangenheit wirkten sich Zinserhöhungen durch die Federal Reserve und ein stärker werdender US-Dollar negative auf risikobehaftete Anlagen wie Schwellenländeraktien aus. Wenn die Zinsen jedoch als Reaktion auf Preisveränderungen durch eine zunehmende Unternehmenstätigkeit steigen, wie es eventuell in den Industriestaaten zu beobachten sein wird, war das in der Vergangenheit positiv für asiatische Volkswirtschaften. Steigende Zinsen wirken sich ceteris paribus also nicht unbedingt nachteilig auf risikobehaftete Vermögenswerte aus.

Mit Blick auf Rohstoffe ist korrekt, dass Asien für viele international gehandelte Rohstoffe als Preisnehmer und nicht als Preissetzer fungiert. Allerdings liegen die Preiserhöhungen immer noch deutlich unter den Niveaus, die auf dem Höhepunkt des „Superzyklus“ verzeichnet wurden, als viele dieser Volkswirtschaften in rasantem Tempo wuchsen.

Fazit

Bei unseren spezialisierten Research-Teams handelt es sich um regionale Experten, die die volle Breite des Aktienuniversums der Schwellen- und Frontier-Märkte abdecken. Dadurch sind wir in der Lage, Anlagechancen entlang des gesamten Spektrums zu identifizieren und zu nutzen, angefangen von China bis hin zu kleineren Grenzmärkten wie Sri Lanka. Für die nahe Zukunft scheint es so, als würden Inlands- und Auslandsnachfrage auf regionaler Ebene auch weiterhin stabil bleiben und es gibt vielversprechende Anzeichen für eine aufkeimende Erholung in China. Auch wenn es im kommenden Jahr zu Phasen mit erhöhter Volatilität kommen kann, behalten wir, wie sonst auch, im Hinterkopf, dass diese Phasen gute Kaufgelegenheiten hervorbringen können.

Wir gehen insbesondere davon aus, dass sich die grundlegenden Trends, die sich derzeit in der Region entwickeln, auch langfristig weiter entfalten werden. Vor diesem Hintergrund ist unsere langfristige Einschätzung für asiatische Aktien nicht allzu stark von Faktoren wie den kurzfristigen Zinsen oder den Auf und Abs der täglichen Ölpreisbewegungen abhängig. Sie basiert vielmehr auf unserer Fähigkeit, Unternehmen zu identifizieren, die die entsprechenden Eigenschaften aufweisen, um die ohnehin bereits starke Wachstumsprognose für Asien noch zu übertreffen und dann in diese zu investieren. Investitionen in Unternehmen, die auf zentrale Faktoren wie eine steigende Inlandsnachfrage und eine aufstrebende Mittelschicht ausgerichtet sind sowie Anlagen in Unternehmen mit langfristigen Wettbewerbsvorteilen dürften sich auf lange Sicht vorteilhaft für uns erweisen. Als Anleger in asiatische Aktien gehen wir seit vielen Jahren auf diese Weise vor und wir werden dies auch im Jahr 2017 entsprechend fortführen.

Quelle: AdvisorWorld.ch