BlackRock : Aktueller Blick auf die Märkte – Berlins Bankrotterklärung

Irgendwie hatte sich uns während der Jamaika-Sondierungen ja schon öfter der Eindruck mangelnder Ernsthaftigkeit aufgedrängt…

Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich  und Osteuropa bei BlackRock


Wie jahrmarktartig die politische Kultur aber inzwischen ist, wurde vollends deutlich angesichts des unwürdigen Endes der Gespräche. Nach der Vertreibung aus dem karibischen Paradies lecken Union und Grüne ihre Wunden, während sich Lindners FDP im Shitstorm als standfeste deutsche Eiche verkauft. Es ist bezeichnend, dass das politische Berlin in seiner Verzweiflung alle Hoffnung einmal mehr auf das allerschwächste Glied der Kette richtet: die am 24. September auf 20,5% geprügelte SPD. Und es spricht Bände über den Zustand dieser Partei, wenn ihr Vorsitzender Folgendes sagt: „Ich strebe keine Große Koalition an, ich strebe auch keine Minderheitsregierung an. Ich strebe auch keine Neuwahlen an. Ich streb gar nix an. Was ich anstrebe: dass wir die Wege diskutieren, die die besten sind, um das Leben der Menschen jeden Tag ein Stück besser zu machen.“ Dieses Originalzitat aus Martin Schulz‘ Rede vor den Jusos am Freitagabend letzter Woche ist nicht nur ein Eingeständnis der eigenen Überforderung, sondern auch eine Bankrotterklärung für den politischen Betrieb in Berlin insgesamt. Gut, dass die Finanzmärkte sich von derlei Theater nicht beeinflussen lassen. Der DAX legte über den Verlauf der letzten Woche um einen halben Prozentpunkt zu, seit Jahresbeginn nun schon fast 14%. Weitere Kursgewinne bis Jahresende sind wahrscheinlich, denn Wirtschaft und Gewinne laufen solide, bei sehr niedrigen Zinsen. Deutschland und seinen Unternehmen geht es gut, nicht wegen, sondern trotz der Politik.

Der Eindruck, im Mittleren Osten bahne sich ein Krieg an, täuscht. Er ist nämlich schon da. Im Jemen liefern sich die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran einen blutigen Stellvertreterkrieg. Mit der Ernennung des 32-jährigen Mohamed bin Salman („MbS“) zum saudischen Kronprinzen im Juli und dessen Palastrevolution kaum drei Monate später scheint sich die Konfrontation zu verschärfen. Derweil nutzt der Iran unter dem umtriebigen geistigen Führer Ali Khamenei die Schwäche der „failed states“ Irak und Syrien aus, um seinen Einfluss auszuweiten. Vom Persischen Golf reicht dieser nun bis zum Mittelmeer, wobei die Landbrücke zur Hisbollah im Libanon besonders für Israel bedrohlich wirken dürfte. Kein Wunder also, dass es zuletzt zu einer bemerkenswerten Annäherung zwischen dem jüdischen Staat und dem konservativ-islamischen Regime in Riad gekommen ist. Der gemeinsame Erzfeind macht’s möglich. Allerdings sind die bisherigen Versuche des jungen Kronprinzen, die Expansion Irans einzudämmen, eher durchwachsen gewesen, denn weder die geplante Isolierung Katars noch die angestrebte Entmachtung des hisbollahfreundlichen libanesischen Premiers Saad Hariri erwiesen sich als erfolgreich. Angesichts der Tatsache, dass mit Saudi-Arabien der weltweit größte Ölproduzent im Auge des Sturmes steht, ist es kein Wunder, dass der Ölpreis sich beharrlich oberhalb von 60 Dollar pro Fass hält. Wir gehen nicht davon aus, dass sich dies kurzfristig ändert.

Was bedeutet das für Anleger?

In dieser Woche stehen frische Inflationszahlen für den zu Ende gehenden November an. In Europa wird ein Anstieg des harmonisierten Verbraucherpreisindex von 1,6 auf 1,8% erwartet, die Kerninflationsrate sollte sich wieder von 0,9 auf 1,1% erholen. Besonders letzteres halten wir für wichtig, denn bekanntlich spielt die 1%-Schwelle bei der Kerninflationsrate für die EZB eine wichtige Rolle. Sollten die Daten wie erwartet hereinkommen, gehen wir davon aus, dass die EZB auf ihrer nächsten Ratssitzung am 14. Dezember beim angekündigten Kurs bleibt. Andernfalls könnte Mario Draghi die Rhetorik etwas softer gestalten, vor allem was den Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm betrifft.

Dagegen ist ein Zinsschritt der Fed für den 13. Dezember zu 93% in den Fed Funds Futures eingepreist. Daran dürfte auch ein weiterer enttäuschend niedriger Wert für den Kerndeflator der persönlichen Konsumausgaben („core PCE“) wenig ändern, dessen Novemberausgabe am Donnerstag herauskommt und der im Oktober mit nur 1,3% weiterhin erstaunlich niedrig war. Eine weiter vorsichtig die Zinsen normalisierende Fed und eine die Anleihekäufe drosselnde EZB bilden also den Hintergrund für die Kapitalmärkte um den Jahreswechsel herum. Für Anleger bedeutet dies, dass die Kombination aus solidem Makrowachstum und sprudelnden Unternehmensgewinnen einerseits, bei niedrigen Zinsen andererseits, vorerst erhalten bleibt. Weiteren Kurszuwächsen bei Aktien steht also mit Blick auf das Jahresende außer der lästigen Politik wenig entgegen.

Quelle: AdvisorWorld