BlackRock : Aktueller Blick auf die Märkte – Checks and Balances im Stresstest

Aktienanleger hoffen dieser Tage auf das große Steuergeschenk für US-Unternehmen, gleichzeitig fürchten sie politische Unsicherheit in Folge der Russland-Ermittlungen des Sonderermittlers Robert Mueller…

Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich  und Osteuropa bei BlackRock


Die Ambivalenz des Kapitalmarktblicks auf diese beiden Ereignisse – Ende letzter Woche verlor der DAX 1,3% wegen der Russlandaffäre, zum Wochenstart holte er dies mit Blick auf die Steuerreform wieder auf – lässt sich auch als Stresstest für die Grundfeste der amerikanischen Demokratie lesen, die sogenannten ‚Checks and Balances‘.

Nach der Wahl Donald Trumps zum 45. Präsidenten der USA beruhigten sich viele, die es nicht glauben mochten, mit der vermeintlichen Stärke der amerikanischen Institutionen. Die Checks and Balances, so hieß es, würden auch mit diesem ungewöhnlichen Präsidenten fertig werden. Nun aber scheint dieses Vertrauen einem harten Test unterzogen zu werden. Denn der Kongress, der als Legislative das natürliche Korrektiv des als Exekutive fungierenden Weißen Hauses bildet, ist drauf und dran, aus reinem Opportunismus eine ökonomisch unsinnige, gesellschaftlich sogar potentiell verheerende Steuerreform durchzuwinken. Statt dem irrlichternden Präsidenten Einhalt zu gebieten, scheinen sich die Republikaner in beiden Kammern, also Repräsentantenhaus und Senat, stillschweigend darauf zu einigen, dass allein Unterstützung für den ungeliebten Präsidenten ihnen die Chance erhält, nach den Mid-Term-Wahlen im November ihre Posten zu behalten. Dafür nimmt man in Kauf, wider besseres Wissen die sozialen Abgründe im Land dramatisch zu vertiefen. Allein Trump und sein Clan dürften durch die Reform rund eine Milliarde Dollar an Steuern sparen. Der ehrwürdige Capitol Hill verkommt zum Selbstbedienungsladen, das Vertrauen in Amerikas Demokratie schwindet zusehends.

Kein Wunder, dass sich deshalb viele Hoffnungen auf Robert Mueller richten, den ehemaligen FBI-Chef und Sonderermittler in der Russland-Affäre. Die USA werden oft als von Juristen dominiertes Land gesehen, und in der Tat scheint die Judikative, die dritte Instanz in der demokratischen Gewaltenteilung, der einzig verbleibende Gegner zu sein, den Trump noch fürchten muss. Sollte allerdings auch Mueller an der Trump’schen Verwirrungsstrategie aus verbalen Nebelkerzen, Lügen und Verleumdungen abprallen, was möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dürfte Trumps Wiederwahl im Jahr 2020 kaum noch aufzuhalten sein. Und selbst für den Fall, dass die Ermittlungen weitergehen und dem Präsidentenclan Verfehlungen nachweisen sollten, wird es wohl kaum zu einem Impeachment kommen.

Aus Deutschland mit dem Finger auf die Absurditäten der US-Politik zu zeigen verbietet sich allerdings, mit Blick auf das Possenspiel der gescheiterten Jamaika-Sondierungen inklusive entsprechender Folgen. Schließlich scheint auch hierzulande die Regierungsbildung auf die Suche nach dem geringsten Übel hinauszulaufen. Zurzeit deutet, obwohl die Widerstände innerhalb der SPD nicht unterschätzt werden sollten, wohl etwas mehr auf die Bildung einer erneuten Großen Koalition hin. Der SPDParteitag in dieser Woche dürfte mehr Aufschluss bringen. Nimmt man die Jahre 2005-09 und 2013-17 als Blaupausen, lässt sich vermuten, dass ein weiteres schwarz-rotes Bündnis auch in den kommenden vier Jahren wenig Gutes für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands verheißen würde. Die Alternative allerdings, eine vielleicht sogar von der CDU/CSU allein geführte Minderheitsregierung, in der sich Merkel & Co. dann von Projekt zu Projekt die zur Mehrheit fehlenden 109 Stimmen im Bundestag bei wechselnden Partnern suchen, wäre eine in der Bundesrepublik nie praktizierte Variante. Entsprechend wird sie auch von kaum jemandem wirklich angestrebt und in Umfragen von den meisten Wählern abgelehnt. Bleiben Neuwahlen als einziger Ausweg, eine demokratische Bankrotterklärung.

Was bedeutet das für Anleger?

Die gute Nachricht lautet, dass Finanzmärkte sich üblicherweise von derlei politischen Wirren unbeeindruckt zeigen und sich auf das fundamental Messbare konzentrieren. Steuersenkung in den USA? Toll, gut für die Aktienkurse. Schwerfällige Regierungsbildung in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt? Macht nichts, die Märkte laufen auch so hervorragend. Bleibt nur zu hoffen, dass außer den Unternehmensgewinnen auch die zweite Komponente steigender Aktienkurse, nämlich die Zinsen, im Zaum gehalten werden. Hierfür haben schwache Inflationsdaten letzte Woche einmal mehr die Basis bereitet. In Europa blieb im November die Kerninflationsrate mit 0,9% erschreckend schwach, und auch in den USA erholte sich die Kernrate des Konsumdeflators lediglich moderat auf 1,4%. Weder diesseits noch jenseits des Atlantiks besteht also Grund für die Zentralbanken, die Partylaune an den Aktienmärkten zum Jahresende allzu sehr zu stören.

Quelle: AdvisorWorld