BlackRock: Aktueller Blick auf die Märkte – Die letzte Chance

Das französische Volk hat gesprochen und Emmanuel Macron als neuen Präsidenten in den ÉlyséePalast gewählt…..  

 

Von Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa


Wählerbefragungen am Sonntag und auch davor haben jedoch gezeigt, dass mehrere Millionen Franzosen ihre Stimme Macron vor allem zugesprochen haben, um Le Pen als Präsidentin zu verhindern – und nicht, weil sie mit seinem Wahlprogramm einverstanden sind. Macrons Regierungsauftrag ist somit wahrlich kein einfacher. Dennoch ist mit der französischen Präsidentschaftswahl nach den Wahlen in Österreich und den Niederlanden nun auch die dritte Wahl in der Eurozone seit dem Wahlsieg Donald Trumps zu Ungunsten der Populisten ausgegangen. Aus Sicht aller Europabefürworter ist dies als positives Signal zu werten.

Macron wird ein Land übernehmen, dessen Wirtschaft in vielen Bereichen große Probleme hat. Viele Unternehmen im Land leiden unter einer international geringen Wettbewerbsfähigkeit – nicht zuletzt aufgrund der sehr hohen Lohnnebenkosten und der hohen Steuern. Auch die Arbeitslosigkeit ist in den Jahren unter Hollande weiter gestiegen. 80 Prozent der zuletzt neugeschaffenen Jobs sind befristete Jobs – häufig mit Verträgen, die nicht einmal ein Jahr laufen. Gerade viele junge Leute finden auf dem wenig flexiblen Arbeitsmarkt keinen adäquaten Job. Hinzu kommt ein Staat, der hohe Defizite fährt und den Schuldenstand des Landes somit in gefährliche Höhen treibt.

Macron wird in den nächsten Jahren einen schwierigen Spagat bewältigen müssen. Er muss auf der einen Seite dringend die genannten Probleme im Land lösen – auch, um letztlich ein weiteres Erstarken des Front National zu verhindern. Er darf dabei aber die doch große Zahl derer, die sich nicht von ihm repräsentiert fühlen, keinesfalls ignorieren (Marine Le Pen erhielt rund 11 Millionen der Stimmen). Er muss sie zwingend mit ins Boot holen, wobei eines der Probleme darin besteht, dass diese Menschen in der Mehrheit nicht gerade zu den flammendsten Euro-Befürwortern zählen. Insofern bedarf es für einen Erfolg Macrons aus unserer Sicht auch und vor allem einer deutschen Bundesregierung, die zusammen mit Frankreich ein verbessertes institutionelles Setup für Europa schafft, das der sehr großen Mehrheit der Europäer spürbare Vorteile liefert. Eine Grundvoraussetzung hierfür könnte sein, dass Deutschland seine recht strenge Haltung in punkto Sparen und Investieren auf europäischer Ebene überdenkt. Ob man dazu in Berlin jedoch bereit ist, etwa in Form der Schaffung eines Eurogruppen-Budgets, bleibt fragwürdig. Die Bundesregierung ist jedoch auch auf einen Erfolg Macrons angewiesen. Denn sollte er scheitern, droht in fünf Jahren womöglich tatsächlich ein Sieg der Euro-Kritiker. Jedem Europa-Befürworte sollte bewusst sein: Es könnte sich bei Macrons Präsidentschaft um die letzte Überlebenschance der 5. Französischen Republik handeln.

Die Wahl in Schleswig-Holstein am vergangenen Wochenende stand klar im Schatten der Wahl in Frankreich. Einen wichtigen Fingerzeig lieferte sie dennoch. Mit einer deutlichen Niederlage der SPD und einem überzeugenden Sieg der CDU um Spitzenkandidat Daniel Günther stehen die Sozialdemokraten kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen stark unter Druck. Bleibt der erhoffte „Schulz-Effekt“ am kommenden Sonntag erneut aus, ist es mit der von der SPD erhofften Wechselstimmung im Land wohl nicht weit her. Ob die SPD dann bis September nochmal an Momentum gewinnen kann, ist unwahrscheinlich. Spannend dürften hingegen die

Koalitionsverhandlungen auf Länderebene werden. In Schleswig-Holstein deutet sich ein Bündnis von CDU, FDP und den Grünen an. Auch eine Ampel ist im Gespräch. Möglicherweise auch Modelle für den Bund?

Die Politik treibt uns also weiter um. Mit dem Wahlsieg Macrons reduziert sich jedoch das politische Risiko in Europa spürbar, sodass der Fokus in den nächsten Wochen und Monaten nun stärker auf den wirtschaftlichen Fundamentaldaten liegen dürfte. Die gute Nachricht dabei: Wirtschaftlich läuft es, gerade in Europa, derzeit durchaus rund. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaftsleistung in der Währungsunion um 0,5 Prozent (im Vergleich zum Vorquartal, Rate nicht annualisiert). Den starken Frühindikatoren wird somit Folge durchaus geleistet. Etwas anders das Bild in den USA: Mit annualisiert gerade einmal 0,7 Prozent legte die Wirtschaftsleistung jenseits des Atlantiks deutlich weniger stark zu als in der Währungsunion, sodass die Lücke zwischen weichen Früh- und den harten Wirtschaftsindikatoren in den USA groß bleibt. Übertriebene Sorgen scheinen jedoch nicht angebracht zu sein: Die starken Daten vom US-Arbeitsmarkt im ersten und auch zu Beginn des zweiten Quartals sprechen dafür, dass es sich (wie in den vergangenen Jahren auch) um einen Ausrutscher im ersten Quartal zu handeln scheint.

Was bedeutet das für Anleger?

Da die deutsche Bundestagswahl im September und die Wahl in UK aus Sicht der allermeisten Investoren keine marktrelevanten Risiken darstellen, könnte sich nach der Frankreichwahl nun bis zur Wahl in Italien – voraussichtlich im Frühjahr 2018 – ein Zeitfenster öffnen, in dem sich die Märkte vor allem auf die globale konjunkturelle Erholung konzentrieren können. Für die Aktienmärkte und hier vor allem Zykliker- und Value-Titel sind dies sicher keine schlechten Nachrichten. Kurzfristig könnte jedoch eine Einschränkung gelten: Nach dem Wahlsieg Macrons ist die Wahrscheinlichkeit von Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten nach dem Motto „sell-on-good-news“ erhöht.

Mit dem reduzierten politischen Risiko und vor dem Hintergrund der starken Wirtschaftsdaten aus Europa könnte zeitnah auch der Druck auf die EZB zunehmen, ihre expansive Geldpolitik zu überdenken. Wir halten es zwar für unwahrscheinlich, dass Draghi seinen Auftritt im niederländischen Parlament Mitte dieser Woche für ein erstes Zeichen in Richtung „Tapering“ nutzen wird. Zu fragil bleibt die Inflation in der Eurozone. Dennoch werden die Erwartungen an ein baldiges Ende des Anleiheankaufprogramms in den nächsten Wochen zunehmen. Deutsche Bundrenditen könnten sich daher durchaus in absehbarer Zeit ihrem Jahreshoch bei knapp 0,5 Prozent annähern.  

Quelle:  AdvisorWorld.ch