BlackRock : Aktueller Blick auf die Märkte – Sturm im politischen Wasserglas

Der vor einem Monat gewählte französische Präsident Emmanuel Macron hat mit seiner neu gegründeten Partei „La République En Marche“ nun auch die erste Runde der Wahlen zur Nationalversammlung gewonnen….

Von Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege für Deutschland, Österreich und Osteuropa


Mit 32,3% Stimmenanteil gelang es einer Schar von größtenteils völlig unerfahrenen Kandidaten, die anderen Parteien klar auf Distanz zu halten. Viele von ihnen dürften auch die Stichwahl am kommenden Sonntag für sich entscheiden, dem Shooting Star Macron eine satte Mehrheit im Parlament verschaffen und damit die Möglichkeit, sein ambitioniertes Wahlprogramm anzugehen. Frankreich befindet sich mitten in einem massiven politischen Umschwung. Wohl noch nie in der Geschichte der fünften Republik ist ein Präsident mit einem derartigen Paket an Hoffnungen und Vorschusslorbeeren angetreten.   Eine so hoch liegende Messlatte bringt immer das Risiko von Enttäuschung mit sich. Denn so groß die auf Macron ruhenden Hoffnungen auch sind, sein Erfolg ist keineswegs garantiert. So betrug die Wahlbeteiligung am Sonntag nur 50%, was bedeutet, dass rund die Hälfte der Wahlberechtigten, also etwa 23,5 Millionen Franzosen, den Wahlgang nicht für lohnenswert gehalten haben oder aber den Glauben an das politische System bereits komplett aufgegeben haben. Das Ausmaß an Unzufriedenheit in der Bevölkerung jedenfalls ist nicht nur eine Chance für Macron, sondern auch eine Bedrohung. Denn Reformen am Wirtschafts- und Sozialsystem erfordern auch Einschnitte, die vielen wehtun werden. Letzten Endes dürfte die Frage, wie erneuerungsfähig und -willig Frankreich wirklich ist, nicht an der Wahlurne, sondern auf der Straße entschieden werden.   Indessen hat die Neuwahl im Vereinigten Königreich ein überraschendes Ergebnis gebracht. Premierministerin Theresa May, die nach dem Rücktritt David Camerons ohne Wahl ins Amt gekommen war, wollte sich mit der Wahl politisch legitimieren und ein stärkeres Mandat für die BrexitVerhandlungen erreichen. Dies ist, obwohl Tory knapp gewonnen hat, gescheitert. Aus Sicht vieler Konservativer steht May nun als Zockerin da, die ohne Not die absolute Mehrheit der Partei im Unterhaus verspielt hat, obwohl die Legislaturperiode noch drei weitere Jahre gedauert hätte. Dies dürfte sie weiter unter Druck setzen. Zwar widerstand May bisher Rücktrittsforderungen und kündigte an, auch unter den schwierigen Bedingungen eine stabile Regierung bilden zu wollen.

Allerdings dürfte der Druck in den nächsten Tagen zunehmen, so dass wir mit einem Rücktritt Mays noch in diesem Monat rechnen. Außerdem dürfte die Verheißung einer „stabilen Regierung“ vor allem auf die in wenigen Tagen beginnenden offiziellen Brexit-Verhandlungen mit der EU gemünzt gewesen sein. Eine stabile Regierung ist nämlich kaum zu erwarten, denn die nordirische Democratic Unionist Party (DUP), letzte verbliebene Koalitionsoption, dürfte die Tories eher mit nordirlandspezifischen Sonderwünschen vor sich hertreiben als am Erfolg einer Tory-Regierung interessiert zu sein. Die Folge dürfte politische Unsicherheit sein, gefolgt von Neuwahlen innerhalb der nächsten sechs Monate.   Auch in Italien gab es eine politische Überraschung. Noch vor wenigen Tagen waren wir mit einer hohen Wahrscheinlichkeit von einer Neuwahl in diesem Jahr ausgegangen. Die Einigung auf ein neues Wahlgesetz nach deutschem Vorbild hatte den Weg hierfür freigemacht. Nun allerdings die Rolle rückwärts, denn die Einigung zwischen den großen Parteien fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Vermutlich wird in Italien nun doch erst im nächsten Jahr gewählt. Ob die positive Marktreaktion auf diese Neuigkeit gerechtfertigt ist, bleibt sehr fraglich, befindet sich Italien doch gefährlich nahe an einer Situation der politischen Lähmung.

Was bedeutet das für Anleger?

Das diplomatische Scharmützel am Persischen Golf dürfte in dieser Woche weitergehen. Letzte Woche brachen Saudi-Arabien und einige weitere Länder die Beziehungen zu Katar ab. Grund war die angebliche Unterstützung des Terrorismus seitens Katar. Bemerkenswert aus Sicht der Märkte ist aber vor allem, dass diese durchaus schwerwiegende Eskalation (Abzug der Diplomaten, Schließen der Landesgrenzen für Kataris und Entzug der Überflugrechte) keine Auswirkungen auf den Ölpreis hatte. Zwar ist Katar Gas-, nicht Ölexporteur, aber die Spannungen in der Region beinhalten mit Saudi-Arabien schließlich auch den größten Ölproduzenten der Welt.  

Die EZB hat derweil die Gratwanderung vorerst geschafft. Letzte Woche signalisierte Mario Draghi, dass die Zinsen nun nicht weiter fallen werden, weil Deflationsrisiken sich verflüchtigt und die europäische Volkswirtschaft sich stabilisiert hätten. Gleichzeitig senkten die EZB-Volkswirte aber den Inflationsausblick für Ende 2019 auf nur 1,6%, klares Anzeichen dafür, dass die EZB ihre nichtkonventionellen Maßnahmen, allem voran die umstrittenen Anleihekäufe, noch sehr lange aufrechterhalten werde. Insgesamt lasen die Märkte die Botschaft denn auch als „dovish“. Eine voreilige oder gar abrupte geldpolitische Wende wird es mit Draghi nicht geben, gute Nachrichten für europäische Aktien- und Anleihepreise in den nächsten Monaten.

In dieser Woche stehen ebenfalls die Zentralbanken im Fokus. Während die Bank of England, die Schweizer Nationalbank und die Bank of Japan allesamt ihre Zinsen unverändert lassen dürften, rechnen für die Zinsentscheidung der Fed am Mittwoch inzwischen 98% der Marktbeobachter mit einer Anhebung um 25 Basispunkte. Gerade weil sich aber dieser Schritt lange abgezeichnet hatte und so viele Marktteilnehmer damit rechnen, dürfte die Reaktion der Märkte moderat ausfallen. Der Zinsschritt der Fed ist aller Voraussicht nach eingepreist

Quelle: AdvisorWorld.ch