BlackRock : Aktueller Blick auf die Märkte : Was kommt nach dem Allzeithoch?

Letzte Woche hat der DAX nach mehreren vergeblichen Anläufen nun endlich sein bisheriges Allzeithoch geknackt……

Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie für Deutschland, die Schweiz, Österreich  und Osteuropa bei BlackRock


Obwohl natürlich auch dieser Augenblick letztlich nur eine statistische Marke darstellt, lenkt er doch die Aufmerksamkeit der Anleger auf naheliegende Fragen. Kann es von hier aus wirklich noch weiter raufgehen? Ist der Markt auf diesem Niveau nicht überkauft? Ist die niedrige Volatilität nicht ein Zeichen dafür, dass Investoren längst zu sorglos geworden sind?

Ja, nein und noch mal nein. Ja, es kann durchaus noch weiter raufgehen und, nein, der Markt ist auch auf diesem Niveau nicht überbewertet. Auch die in der Tat bemerkenswert niedrige Volatilität ist kein Grund zur Beunruhigung. Aber der Reihe nach.

Es ist sehr wohl möglich, dass mancher Anleger angesichts der starken Jahresperformance (deutsche Aktien sind seit dem 1. Januar um rund 13% gestiegen, amerikanische noch etwas mehr) nun den Zeitpunkt für gekommen hält, Gewinne mitzunehmen. Erfahrungsgemäß passiert so etwas gern, wenn stark beachtete Marken überschritten werden, wie etwa ein runder Indexstand oder ein neues Allzeithoch. Wichtiger ist aber, dass die Kurse aufgrund der fundamentalen Datenlage durchaus noch weiter steigen können. Denn die positive Verfassung der Weltwirtschaft, mit solidem Wachstum in den größten Industrie- und Schwellenländern bei gleichzeitig niedrigen Zinsen, spült gerade den international orientierten Unternehmen steigende Gewinne in die Kassen. Die Tatsache, dass der am stärksten beachtete Bewertungsmaßstab für Aktien, das Kurs-Gewinn-Verhältnis, sich nach wie vor in der Größenordnung des langfristigen Durchschnitts bewegt zeigt, dass die Kurszuwächse vor allem aus steigenden Gewinnen gespeist wurden. Anleger sind also bis dato kaum verlockt worden, höhere Vielfache für die Gewinne zu bezahlen, mit anderen Worten, sie mussten sich risikomäßig nicht einmal übermäßig aus dem Fenster lehnen.
Wir denken, dass wir uns in einem Umfeld strukturell niedriger Zinsen bewegen. Ein wegen demographischer Bremseffekte und hoher Verschuldung flacherer Wachstumstrend in der industrialisierten Welt dürfte dazu führen, dass auch nach der Phase stark expansiver Zentralbankpolitiken die Gleichgewichtszinsen nicht auf ihre Vorkrisenniveaus zurückgehen. Wenn das stimmt, bleiben zinstragende Anlagen vergleichsweise weniger attraktiv als reale Investments, allen voran Aktien. Und dann ist es auch so, dass Zukunftsgewinne von Unternehmen mit niedrigeren Zinsen auf die Gegenwart diskontiert werden, was zu höheren Gegenwartswerten der Gewinne führt. Ergo: bei niedrigeren Zinsen sind deutlich höhere Aktienbewertungen gerechtfertigt als bei den höheren Vorkrisenzinsen.

Auch die niedrige Volatilität halten wir nicht für die trügerische Ruhe vor dem vielleicht drohenden Sturm. Vielmehr ist ein derart ruhiges Umfeld der Normalfall, wenn der ökonomische Hintergrund positiv ist. Was nicht bedeutet, dass die zahlreich vorhandenen Risiken nicht zu temporär höherer Volatilität führen können.

Was bedeutet das für Anleger?

Für Anleger bedeuten damit die offensichtlichen politischen Risiken, welche an der einen oder anderen Stelle die Volatilität hochschnellen lassen können, vermutlich eher Kaufgelegenheiten. Dies gilt so lange, bis ein Risiko eintritt, welches die fundamentalen Koordinaten so nachhaltig verschiebt, dass sich mit dauerhafterer Wirkung das Volatilitätsumfeld verschiebt oder, mit anderen Worten, die Märkte auf risk-off umschalten. Wir halten etwa die nordkoreanische Drohkulisse diesbezüglich für einen weniger wahrscheinlichen Auslöser. Schwieriger einzuordnen dürfte hingegen der doppelte ‚game changer‘ bei den großen Zentralbanken Fed und EZB sein. Denn wenn die Fed beginnt, ihre Bilanz zu verkürzen und mit Zentralbankgeld zu entziehen, wird die EZB bald ihre Stützungsfunktion für südeuropäische Staatsanleihemärkte deutlich zurückfahren – beides Experimente mit offenem Ausgang. Insofern bleibt es hochspannend auf dem Weg in eine Jahresendrally, die fundamental eigentlich durchaus gerechtfertigt erscheint. Eigentlich.

Quelle: AdvisorWorld