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BlackRock : Die nicht so neue EZB-Strategie

BlackRock: Der Berg kreißte und gebar eine Maus. Nach gut anderthalb Jahren legte die EZB in der vergangenen Woche die Ergebnisse ihres Strategic Review vor, und die rissen niemanden vom Stuhl.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Im Grunde geht es um drei Bereiche: Erstens kündigte die Notenbank an, künftig ihre Anleihekaufprogramme an Nachhaltigkeitszielen zu orientieren und dafür entsprechende Kriterien zu entwickeln. Zweitens gehört das in zahllosen Pressekonferenzen beschworene Inflationsziel von „nahe bei, aber unter 2%“ der Vergangenheit an. Es wird ersetzt durch ein symmetrisches 2%-Ziel, was soviel bedeutet, dass die Inflationsrate die 2%-Marke durchaus für eine Weile überschreiten kann, wenn der Wert im Zeitraum davor die Vorgabe unterschritten hat. Drittens schließlich kündigte die EZB an, die Ermittlung der Inflationsrate künftig um die Preise für selbstgenutzte Immobilien zu ergänzen. Darauf hatte man bisher verzichtet, weil derartige Preisdaten in Europa nicht in ausreichender Qualität zur Verfügung gestanden hatten. Allein diese Nichtbeachtung einer Warenkorbkategorie, die in den letzten Jahren erhebliche Preiszuwächse verzeichnet hat, könnte den strukturellen Inflationsabstand zwischen der Eurozone und den USA um ein knappes Drittel verkürzen.

Vergleicht man die Ergebnisse der EZB-Strategierevision mit der Umstellung der Fed-Strategie in Jackson Hole vor knapp einem Jahr, fallen die Veränderungen bescheiden aus. Immerhin hatte die Fed das Average Inflation Targeting eingeführt und damit nach Jahren der Zielunterschreitung eine Inflationsrate von über 2% ausdrücklich zum Ziel erklärt. Außerdem wurde die Zielreihenfolge geändert, mit der Folge, dass für die Fed in den nächsten Jahren ein hoher Beschäftigungsstand im Vordergrund steht. Schon letztere Maßnahme zeigt aber, dass die EZB-Strategierevision so weit gar nicht gehen konnte, eben weil die europäische Notenbank anders als die amerikanische nur auf ein Ziel, nämlich das der Preisniveaustabilität, festgelegt ist. Aber selbst vor diesem Hintergrund nimmt sich die Strategieanpassung wenig spektakulär aus, denn alle drei Maßnahmen waren schon im Vorhinein bekannt oder zumindest so erwartet worden. Von einem symmetrischen 2%-Ziel hatte der damalige EZB-Präsident Mario Draghi schon vor Jahren gesprochen, und dass die EZB unter Christine Lagarde die Geldpolitik grüner ausrichten würde, war ebensowenig überraschend. Aus dieser Perspektive erscheint also die Einbeziehung der Häuserpreise in die Indexdefinition noch als die spektakulärste Revision. Aus Marktsicht ist es unter den drei Änderungen auch die einzige, die auf eine weniger expansive Geldpolitik hindeuten könnte, denn nach Schätzungen der EZB dürfte allein durch die Einbeziehung der Immobilienpreise der Harmonisierte Index der Verbraucherpreise (HICP) um 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen als vorher.

Deltavariante und chinesische Stop-and-go-Politik verunsichern Investoren

Schwächere Wachstumsindikatoren und ein rigoroses Durchgreifen der Regulierer gegen Tech-Unternehmen in China haben zuletzt Angst vor einem Abflauen der Dynamik im Reich der Mitte geschürt. Dass Marktteilnehmer auf derartige Signale nervös reagieren ist völlig normal, hat China doch bereits im Vorjahr, als die westliche Welt noch tief im Lockdown steckte, das globale Wachstum geradezu im Alleingang angeschoben. Die gegenwärtige Abschwächung des Momentums in China ist allerdings eher als Zeichen dafür zu lesen, dass die Kommunistische Partei die Gunst der Stunde nutzt, um die Qualität des Wachstums zu stärken – zulasten der Quantität. Dass man aber gleichzeitig nicht das Risiko einer zu starken Abbremsung eingehen möchte, zeigt die Mindestreservesatzsenkung der People’s Bank of China um 50 Basispunkte Ende letzter Woche. Mit dieser Art von Stop-and-go-Politik setzt Chinas Regierung den Kurs struktureller und regulatorischer Anpassungen fort, idealerweise ohne dabei die Wachstumsdynamik zu stark zu schwächen. Der beispiellose Vorsprung, den das Land im Jahr 2020 in Bezug auf die Bekämpfung von Covid erreicht hat, schafft Raum für genau diese Strategie.

Derweil haben in der DACH-Region die Neuinfektionszahlen ihren Tiefststand hinter sich. Die aus Indien stammende Deltavariante B1.617.2 sorgt wegen ihrer höheren Übertragbarkeit dafür, dass trotz Impffortschritts (rund 40% vollständig Geimpfte in der DACH-Region) die Zahlen wieder steigen. Damit dürfte die 4. Infektionswelle bereits ihren Anfang genommen haben und sich nun einen Wettlauf mit dem weiteren Impffortschritt liefern. Die gute Nachricht ist, dass diese 4. Welle vermutlich einen flacheren Verlauf nehmen dürfte als die 2. Welle, die sich im Spätsommer 2020 auf den Weg machte. Den Impfstoffen sei Dank, dass der gesundheitliche wie wirtschaftliche Schaden im Herbst dieses Jahres deutlich kleiner ausfallen dürfte, selbst wenn Masken, Abstand und Hygieneregeln uns noch länger erhalten bleiben werden als lange gehofft.

Quelle: AdvisorWorld.ch