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BlackRock : Donald Unchained

BlackRock: Seit dem Corona-bedingten Tiefstand am 18. März hat der DAX bis Ende vergangener Woche um über 52% zugelegt.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich  und Osteuropa bei BlackRock


Für knapp die Hälfte (gut 24%) dieser bemerkenswerten Aufholjagd ist die Rally seit dem 14. Mai verantwortlich, und allein über den Verlauf der Vorwoche hat das deutsche Börsenbarometer um knapp 11% zugelegt. Gerade die jüngere Entwicklung, wie etwa die leichte Outperformance des gesamten deutschen Aktienmarktes (+7,5%) gegenüber seinem US-Pendant (+5,0%), deutet darauf hin, dass eine zunehmende Zahl an Investoren auf die Wahrscheinlichkeit einer zyklischen Erholung setzt, von der deutsche Unternehmen mit ihrer Abhängigkeit von der globalen Konjunktur besonders profitieren dürften. Die starke Entwicklung des Faktors Value spricht ebenfalls für diese Einschätzung. Insgesamt hat auf Jahressicht der amerikanische Aktienmarkt aber gegenüber Europa noch leicht die Nase vorn.

Fragt man sich nach den Treibern für die Aktienrally, die angesichts einer keineswegs überstandenen Viruspandemie mit inzwischen über 400.000 Toten fast grotesk erscheint, wird man bei der Wirtschaftspolitik schnell fündig. Noch nie in der jüngeren Geschichte hat es derart schnelle und massive, teilweise sogar koordinierte Gegenmaßnahmen der Fiskal- und Geldpolitik gegeben. Allein in der vergangenen Woche verkündete die EZB, ihr PEPP (Pandemic Emergency Purchasing Programme) um weitere 600 Mrd. Euro auf dann 1.350 Mrd. auszuweiten und dieses statt bis Jahresende nun mindestens bis Mitte 2021 laufen zu lassen.

In Deutschland flankierte die Bundesregierung diese Breitseite an monetärer Expansion durch ein ebenfalls beachtliches Füllhorn an zusätzlichen Stimuli in Höhe von 130 Mrd. Euro für 2020 und 2021. Ob die starke Wette auf eine befristete Mehrwertsteuersenkung, die allein mit rund 20 Mrd. Euro zu Buche schlagen wird, angesichts zurückhaltender Konsumenten die gewünschten Effekte erzielt, darf bezweifelt werden. Dennoch verdient das Paket Respekt, zumal die Regierung dem Reflex widerstand, wieder einmal diejenigen Lobbygruppen zu bedienen, welche am lautesten schreien (in diesem Fall die Automobilindustrie mit ihrer Forderung nach Kaufprämien sogar für Verbrennungsmotoren). Es ist zu begrüßen, dass stattdessen Innovation gefördert wird, was im Autoland Deutschland bedeutet, dass die Regierung weiter auf E-Autos setzt. Dies kann sich zwar angesichts skeptischer Verbraucher, Entwicklungsrückstand gegenüber ausländischen Herstellern und fehlender Ladeinfrastruktur auf Sicht durchaus als Fehler herausstellen, aber der Mut, ein derartiges Konjunkturpaket zukunftsgerichtet zu gestalten und damit Besitzstandswahrung eine Absage zu erteilen, ist positiv zu bewerten.

Einen erheblichen Einfluss auf die Aktienrally der letzten Woche hatte natürlich auch die Arbeitsmarktentwicklung in den USA. Statt wie erwartet eine Vernichtung von acht Millionen weiteren Jobs im Mai zu konstatieren, fielen am Freitag die Non-Farm Payrolls überraschend positiv aus, mit über 2,5 Millionen neugeschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft und einem Rückgang der Arbeitslosenquote auf 13,7%. Die US-Wirtschaft könnte sich also schneller erholen als erwartet. Während man sich über diese positive Meldung nur freuen konnte, erstickte die unsägliche Reaktion aus dem Weißen Haus diese Freude im Keim. George Floyd hätte sich über diese tollen Arbeitsmarktzahlen gefreut, twitterte Donald Trump in einer Mischung aus Zynismus, Menschenverachtung und schlechtem Geschmack. Sein Haussender Fox News setzte noch einen drauf und vermeldete anhand einer Grafik, dass der US-Aktienmarkt in der Vergangenheit noch jedes Mal, wenn ein Afroamerikaner ermordet wurde, eine kräftige Rally hingelegt habe. Derartige Entgleisungen zeigen, dass es dem Präsidenten nicht darum geht, in einer schwierigen Zeit das Land zu einen, sondern Trump im Gegenteil die immer weitere Spaltung zur Radikalisierung seiner Gefolgschaft instrumentalisiert. Inzwischen völlig frei von dem Versuch, den Anschein zivilisierten Verhaltens zu wahren, hetzt und giftet der Präsident gegen alles, was dem einzigen Ziel, dem seiner Wiederwahl am 3. November, im Weg stehen könnte. Dabei geht er immer öfter so weit, seine Wählerbasis implizit zur

Revolte aufzurufen, sollte er am Wahltag Joe Biden unterliegen. In diesem Fall, so Trump, werde er das Ergebnis nicht anerkennen. Seit 1861/65 waren die USA einem Bürgerkrieg nie näher.

Was das für Anleger bedeutet

Dies alles spricht dafür, dass die zweite Jahreshälfte kein sanfter Ritt wird. Dazu kommen noch die für Investoren bekanntlich höchst relevanten Handelsscharmützel mit China (ebenfalls ein beliebtes Wahlkampfinstrument des US-Präsidenten), dazu die Gefahr eines harten Brexit-Erwachens am  1. Januar 2021 (Ende Juni läuft die Verlängerungsoption für die Übergangszeit ab). Und über allem schwebt die Gefahr einer zweiten Pandemiewelle. Gerade im letzteren Fall könnte sich die jüngste, von Geld- und Fiskalstimuli befeuerte Aktienrally nur als erste Etappe einer wesentlich gravierenden Verschiebung erweisen. Dann nämlich, wenn die Globalisierung, immerhin die Erfolgsgeschichte der letzten 40 Jahre, immer weiter zurückgedreht wird, sei es durch Trump, Brexit-artige Ereignisse oder Schocks wie Corona, könnten die in den heutigen Gewinnerwartungen abgebildeten Geschäftsmodelle vieler Unternehmen sich als nicht mehr realistisch erweisen.

Quelle: AdvisorWorld.ch