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BlackRock :  Ein Lockdown, der keiner ist

BlackRock: Seit gestern befindet sich Deutschland in dem, was Medien gern als Lockdown Nr. 2, Shutdown light oder Wellenbrecher-Lockdown bezeichnen.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Es geht um die erneute Schliessung von gastronomischen Betrieben, Kultur- und Freizeitsporteinrichtungen sowie die Einschränkung persönlicher Kontakte für zunächst vier Wochen. Dabei sind in Restaurants, ebenso wie in Theatern oder im Amateursport dank ausgeklügelter Hygienekonzepte allenfalls punktuell Covid-Infektionen aufgetreten, keineswegs lässt sich – vielleicht mit Ausnahme von Bars und Clubs – die Annahme rechtfertigen, diese Bereiche seinen notorische Super-Spreader und damit für den Löwenanteil der exponentiell steigenden Covid-Inzidenz verantwortlich. Ersatzweise wird die Tatsache, dass inzwischen rund 80% der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, für einen diffusen Generalverdacht herangezogen. Die Mobilität, so der Tenor, müsse allgemein eingeschränkt werden, und wenn man nicht weiss, wo die Infektionsherde liegen und gleichzeitig der Schaden für die Wirtschaft so gering wie möglich gehalten werden soll, dann trifft es eben den Freizeitbereich.

Dabei ist es gut und richtig, jetzt wieder einzubremsen, denn nicht nur die Neuinfektionen steigen sprunghaft, sondern auch Hospitalisierungen und Corona-Todesfälle. In der letzten Oktoberwoche haben sich diese Werte gegenüber der letzten Septemberwoche mehr als vervierfacht. Um absehbare Überlastung des Gesundheitssystems, vor allem beim Krankenhauspersonal, zu verhindern, muss also das öffentliche Leben wieder heruntergefahren werden. Wenn man aber die genauen Infektionsherde wegen der hohen Fallzahlen nicht mehr zuordnen kann, es aber starke Hinweise darauf gibt, dass weiterhin mehr als drei Viertel davon auf Feiern im Familien- und Freundeskreis zurückgehen, gerät die Inhaftnahme von Gastronomie, Kultur und Sport zur Feigenblattpolitik. Der Staat erkennt, dass er darin versagt, Feiern einzuschränken, und wählt eine Ersatzhandlung. Die gute Nachricht ist, dass vermutlich die allgemeine Einschränkung der Mobilität auch dazu führen wird, dass die eine oder andere Feier abgesagt wird. Nicht jeder, der während der Pandemie seine Hochzeit geplant hat oder Verwandte beerdigen muss, ist ein verantwortungsloser Hedonist, dem die Risikogruppen egal sind. Schwieriger wird es bei dem meist jungen, gelegentlich unbelehrbaren Partyvolk, das nun sein Treiben vermutlich noch stärker vom öffentlichen in den privaten Raum verlagern wird. Dass dorthin die Staatsgewalt nur sehr begrenzt folgen darf, zeichnet eine liberale Demokratie aus, macht aber auch deutschen, schweizerischen oder österreichischen Behörden die Eindämmung der Pandemie erheblich schwieriger als etwa ihren chinesischen Kollegen.

Ob Deutschland auch aus der zweiten Welle, die gerade erst ihre volle Wucht entfaltet, als Corona- Vorzeigeland hervorgeht, ist völlig offen. Bis dato ist trotz der Ende letzter Woche erreichten Neuinfektionszahl von gut 19.000 auf knapp 83 Millionen Einwohner die Situation weniger dramatisch als in Nachbarländern wie Österreich (5.000 Fälle auf 8,9 Millionen), der Schweiz (9.000 auf 8,6 Millionen) oder Polen (21.000 auf 38 Millionen). Damit haben die deutschen Behörden etwas mehr Zeit, und bis dato erscheinen die Intensivkapazitäten ausreichend. Dennoch verdient auch die deutsche Politik das internationale Lob für ihr Corona-Management bestenfalls, weil andere noch kläglicher versagt haben. Die auch nach acht Monaten Covid-Krise weiterhin völlig unzureichende Ausstattung und Koordination der Gesundheitsämter ist ein Armutszeugnis. Ebenso die erschreckende Konzeptionslosigkeit bei den Schulen. Die Kulturministerkonferenz hofft ernsthaft, in der zweiten Corona-Welle die Schulen allein dadurch offenhalten zu können, dass alle 20 Minuten stossgelüftet wird.

Was das für Anleger bedeutet

Die gute Nachricht ist, dass der ökonomische Schaden der Novemberbeschränkungen, die ich nicht Lockdown nennen möchte, nur ein Bruchteil des BIP-Einbruchs im Frühjahr betragen dürfte. Marktteilnehmer, die durch die zweite Corona-Welle hindurchschauen und darauf setzen, dass sich ab etwa Mitte 2021 das Leben graduell normalisieren dürfte, machen daher vermutlich vieles richtig, zumal die Wirtschaftspolitik weiter Gewehr bei Fuss steht. Und sollte sich der Nebel der zweiten grossen Unbekannten dieser Tage, der US-Präsidentschaftswahl, bald nach dem morgigen Mittwoch verziehen, dürfte auch die Volatilität an den Aktienmärkten sich beruhigen. Inzwischen haben bereits über 40% der US-Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben, per Briefwahl oder Early Voting. Und morgen früh, spätestens ein paar Tage danach, sollte klar sein, wer für die nächsten vier Jahre im Weissen Haus regiert und wie die Mehrheitsverhältnisse im Kongress aussehen. Für die USA selbst, aber auch für die Welt, dürfte der Wahlausgang enorme Bedeutung haben, und das mitten in einer Jahrhundert-Pandemie. Wir leben in wahrhaft historischen Zeiten.

Quelle: AdvisorWorld.ch