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BlackRock : High Noon in London

BlackRock: Im kleinen Ort Hadleyville, New Mexico, kommt es zum Showdown, als Sheriff Will Kane im Hollywood- Klassiker „Zwölf Uhr mittags“ dem Schurken Frank Miller im gleissenden Mittagslicht gegenübertritt.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Gnadenlos tickt die Uhr, knisternde Spannung, nur die Zikaden zirpen. So ähnlich fühlt sich vermutlich der britische Premier Boris Jonhson, seinen Pistolengürtel hat er sich schon umgeschnallt. Darin steckt eine scharf geladene Waffe, die „Internal Market Bill“, eine Gesetzesvorlage, mit der die britische Regierung den Handel innerhalb des Königreiches neu ordnen möchte, inklusive Nordirland wohlgemerkt. Dumm nur, dass der mit der EU vereinbarte Exit-Deal von Ende 2019 bereits eine klare Regelung für Nordirland nach dem Brexit vorsieht, und zwar eine, die das erneute Entstehen einer harten Grenze zwischen den beiden irischen Ländern verhindert. Die Internal Market Bill würde also internationales Recht brechen, und Boris Johnson riskiert, dass die Verlässlichkeit seiner Regierung, vielleicht seines Landes, erheblichen Schaden nimmt. Warum tut er das also? Zwei mögliche Erklärungen: In Variante eins pokert Johnson extrem hoch, um am Ende die EU doch noch zum Einlenken zu bewegen. Er würde dann seinen Landsleuten als grossen Erfolg verkaufen können, trotz EU-Austritt in einigen Sektoren weiter binnenmarktähnliche Regelungen erhalten zu haben. Der wirtschaftliche Schaden des Brexit würde dann vermutlich geringer ausfallen. Besorgniserregender liest sich Variante zwei. Sie besteht darin, dass Johnson den Hardlinern in seiner Partei, allen voran den Anhängern der rechtsnationalen „European Research Group“, einen radikalen Bruch mit der EU liefern möchte, er eigentlich also einen harten No Deal-Brexit anstrebt. Die Motivation könnte darin bestehen, dass sich Johnson in grandioser Selbstüberschätzung für eine Art Wiedergeburt von Winston Churchill hält, der einst die Briten im Kampf gegen Nazi-Deutschland einte. So absurd eine derartige Strategie auf den ersten Blick erscheinen mag, besitzt sie doch einen logischen Kern. Angesichts der tiefen Spaltung der britischen Gesellschaft bedarf es möglicherweise wirklich eines von aussen kommenden Gegners, um sie wieder zusammenzuführen. Johnson hat in der EU diesen Gegner ausgemacht. Und die Märkte scheinen diese Variante seiner Motivation für die wahrscheinlichere zu halten. Das Pfund Sterling hat allein zwischen dem 1. und 10. September 4,3 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. In den nächsten Wochen dürfte die Volatilität von Sterling-denominierten Anlagen hoch bleiben.

Winston Churchill, der legendäre britische Kriegspremier, scheint auch für einen anderen angelsächsischen Populisten eine attraktive Projektionsfläche zu bieten. So hat sich der US-Präsident im Rahmen einer Pressekonferenz allen Ernstes mit Churchill verglichen, als es um Vorwürfe einer absichtlichen Verharmlosung der Corona-Krise ging. Er habe eine Panik verhindern wollen, so Trump. Schon im Mai ergab eine Studie der Columbia University, dass bei frühzeitigerem Reagieren auf die Pandemie in den USA 36.000 Menschen weniger gestorben wären. Eine jüngere Untersuchung der Universität Oxford vom August kommt zu dem Ergebnis, dass die Opferzahl bei besserem Management der Krise auf föderaler Ebene Stand heute um bis zu 70.000 niedriger liegen könnte. Dies alles beeinflusst aber Trumps Zustimmungswerte nicht. Geschätzt 35 Prozent der Wähler stehen trotz aller Skandale, trotz allen Irrsinns, trotz allen Fremdschämens zu ihrem Präsidenten, dazu kommen gut 5 Prozent republikanische Anhänger, die keine Alternative zu ihm sehen. Von diesen insgesamt rund 40 Prozent ist es in vielen Staaten nicht mehr weit bis zur kritischen Grenze, um die nötigen Wahlmänner für das Electoral College zu gewinnen. Denn um die geht es, nicht um die Stimmenmehrheit im Land. Letztere hatte Hillary Clinton 2016 auch, sogar um fast drei Millionen Stimmen. Obwohl also Umfrageinstitute angesichts des gegenwärtigen Vorsprungs von Joe Biden eine 75 Prozent- Wahrscheinlichkeit für einen Amtswechsel im Weissen Haus sehen, ist es aus vielen Gründen zu früh, Trump abzuschreiben.

Was das für Anleger bedeutet

Die EZB liess vergangene Woche die Tür für weitere expansive Massnahmen weit offen. Das muss sie wohl auch, denn die Inflationserwartungen ihres „Survey of Professional Forecasters“ verzeichnen auf Fünfjahressicht nur noch 1,6 Prozent Inflation im Euroraum. Noch nie war dieser Wert so niedrig. Im August sackte die HICP-Inflation auf -0,2 Prozent, und auch die Kerninflationsrate war mit 0,4 Prozent sehr niedrig. Zu Recht betonte Christine Lagarde Sondereffekte, die zu diesen Werten beitrugen, aber die EZB tut gut daran, nicht die Wirkung heutiger Inflationszahlen auf die Erwartungen für die Zukunft zu unterschätzen. Und gerade im Hinblick auf den „Fed Shift“ und die Möglichkeit eines weiter aufwertenden Euro könnte ihr Job in den nächsten Wochen und Monaten eine echte Herausforderung bleiben.

Quelle: AdvisorWorld.ch