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BlackRock : Im Auge des Sturms

BlackRock: Winterorkan „Sabine“, der zum Wochenstart über den Nordwesten Europas hinwegfegte, lieferte die passenden Bilder zu dem Sturm, der in der Woche davor in der deutschen Politik getobt hatte.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock


Auslöser war die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen gewesen, bei der es der AfD gelang, mit einem einfachen Täuschungsmanöver die anderen Parteien im Erfurter Landtag zu düpieren. Während niemand so tun sollte, als sei von einer Partei wie der AfD Anstand zu erwarten, und dies ganz besonders in Thüringen, weckt die Wahl des FDP-Cowboystiefelhelden Kemmerich doch Zweifel am gesunden Menschenverstand des leitenden Personals von FDP und CDU. Der Schaden für das Vertrauen in die Demokratie, den Lindner, Mohring & Co. angerichtet haben, ist kaum zu ermessen. Und statt, wie es sich gehören würde, nach einem derartigen persönlichen Versagen reumütig zurückzutreten, taktieren die beiden munter weiter. Die Thüringer Farce geht diese Woche in die nächste Runde. Die AfD kann weiter das tun, was sie hier ganz offen anstrebt, nämlich die Demokratie zu diskreditieren, während CDU und FDP ihr die Steigbügel halten. Jetzt hat mit dem Rückzug von Annegret Kramp-Karrenbauer die erste Führungsfigur auf Bundesebene die Konsequenzen gezogen.

Bemerkenswert ruhig ist es im Auge des Sturms, an den Finanzmärkten. Die Seismographen des Weltgeschehens, deren Ausschläge durch Wachstum, Zinsen und die immer irrsinnigeren Wendungen der Politik bestimmt werden, haben in der vergangenen Woche in den Risk-On-Modus geschaltet, was sich an kräftigen Kurszuwächsen bei Aktien (deutsche und amerikanische Indizes um rund 3% im Plus), Abschlägen bei Bundesanleihen und US Treasuries sowie einem nachgebenden Goldpreis ablesen läßt. Hintergrund war – zumindest zum Teil – wohl die Ansicht, die Gefahr für das globale Wirtschaftswachstum durch das Coronavirus sei vermutlich nicht so gravierend wie zunächst angenommen. Bestätigt sich diese Einschätzung, ist die Reaktion der Märkte rational, denn wie stark die Aktienpreise in diesem Jahr steigen, dürfte in der Tat vor allem an den Unternehmensgewinnen liegen, und diese hängen zu einem guten Teil am globalen Wachstum. Hat der Konsensus damit Recht, dass sich das Wachstum im Jahr 2020 von der Schwäche des Vorjahres erholt, könnten die gegenwärtigen Konsensusschätzungen zum Gewinnwachstum von rund 9-10% in den USA und 7-8% in Europa in etwa die Größenordnung auch für die erwartbaren Kurszuwächse vorgeben. Während also die Zentralbanken durch ihre weiterhin expansive Politik für Absicherung der Kursniveaus nach unten sorgen, steht und fällt die Frage, wie stark die Unternehmen das günstige Finanzierungsumfeld in steigende Kurse übersetzen werden, vor allem mit der Dynamik des Wirtschaftswachstums.

Was das für Anleger bedeutet

Womit wir beim Coronavirus wären und damit der Frage, ob und inwieweit sich die bisherigen Wachstumsprognosen fortschreiben lassen. Inzwischen sind über 900 Menschen an der von dem Virus ausgelösten Atemwegskrankheit gestorben, mehr als 40.000 sind infiziert. Und dies sind nur die offiziellen Zahlen, einzelne Experten gehen von weit höheren Ansteckungszahlen, vor allem in Wuhan und Umgebung, aus. Der Vergleich mit dem Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS), das vor 17 Jahres ebenfalls von China ausging und gut 800 Menschen tötete, drängt sich auf, nicht zuletzt weil der chinesische Arzt Li Wenliang, der schon im Dezember die Parallele zu SARS hergestellt und vor der Gefahr des Virus gewarnt hatte, inzwischen selbst an der Krankheit gestorben ist. Abgesehen von der menschlichen Tragik sind aus Sicht der Finanzmärkte hier zwei Betrachtungsebenen interessant.

Erstens dürfte der wirtschaftliche Bremseffekt, den das Coronavirus jetzt schon in der chinesischen Wirtschaft hinterlässt, deutlich stärkere Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben als SARS im Jahr 2003. Chinas Output steht heute für rund ein Fünftel des globalen BIP, 2003 waren es noch gut 8%. Erste Forschungsinstitute und Investmentbanken sprechen von Nullwachstum im ersten Quartal. Dafür, dass auch die chinesischen Behörden selbst den Wachstumsdämpfer für besorgniserregend halten, spricht die Ankündigung der People’s Bank of China vom Wochenende, Krediterleichterungen in Höhe von 39 Mrd. USD ins System zu pumpen.

Die zweite Betrachtungsebene ist die Verbreitungsgefahr. Machten sich im Jahr 2003 zu Zeiten von SARS noch rund 20 Millionen Chinesen auf die Reise in die Welt, ist die Zahl chinesischer Reisender außerhalb ihres Heimatlandes bis heute auf rund 150 Millionen pro Jahr gestiegen, wodurch sich das Risiko einer Ausbreitung des Coronavirus gegenüber SARS vervielfacht. Abgesehen von der immer stärkeren Gefahr einer massiven Wachstumsdelle im ersten Quartal könnten Nachrichten von einer Ausbreitung des Virus über China hinaus für anhaltende Verunsicherung sorgen. Die ungetrübte Risk-On-Stimmung der letzten Woche könnte sich dann wahrhaft als das Auge des Sturms erweisen.

Quelle: AdvisorWorld.ch