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BlackRock : Neuordnung des Welthandels

BlackRock: Der Mann ist nicht zu beneiden. Als wäre die Aufgabenliste für den neugewählten US-Präsidenten Joe Biden nicht schon lang genug..

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Dr. Martin Lück, Leiter Kapitalmarktstrategie in Deutschland, der Schweiz,
Österreich und Osteuropa bei BlackRock


kam letzte Woche die Nachricht hinzu, dass China mit 14 weiteren Pazifik-Anrainern das lange vorbereitete RCEP-Abkommen (Regional Comprehensive Economic Partnership) in trockene Tücher gebracht und sich damit die beste Ausgangsposition in der dynamischsten Region der Welt gesichert hat. Neben den ASEAN-Ländern finden sich auf der Liste auch traditionell westlich orientierte Volkswirtschaften wie Japan, Südkorea, Australien oder Neuseeland, wodurch offensichtlich wird, wie wenig sich selbst Regierungen, die Pekings Kommunistischer Partei gegenüber kritisch eingestellt sind, dem enormen wirtschaftlichen Sog Chinas entziehen können. Für die neue US-Administration ist die Vollendung asiatischer Tatsachen, vor die sie jetzt gestellt wird, besonders bitter, hatte doch eine der ersten Amtshandlungen der Vorgängerregierung Anfang 2017 darin bestanden, die Region dem chinesischen Rivalen geradezu auf dem Silbertablett zu servieren. Unter der gerade begonnenen Trump-Präsidentschaft hatten die USA nämlich den alternativen Handels-Deal TPP (Trans-Pacific Partnership), bei dem Amerika selbst die Führungsrolle innegehabt hätte und der zu jenem Zeitpunkt bereits unterschrieben war und nur noch hätte ratifiziert werden müssen, ohne Not aufgekündigt. Einen Vertrag also, der China aussen vor gelassen hätte und mit dem man selbst zumindest Boden hätte gutmachen können, direkt vor der Haustür des grossen strategischen Rivalen. Die Entscheidung zum Rückzug aus TPP und damit das Ermöglichen eines von China dominierten RCEP, bei dem man selbst aussen vor ist, dürfte als die gravierendste handelspolitische Fehlentscheidung der an Missgeschicken nicht gerade armen Amtszeit des 45. US-Präsidenten eingehen. Nr. 46, Joseph R. Biden, wird einiges aufzuräumen haben.

Auch für Europa, dem mit der RCEP ein nahezu gleich grosser Rivale erwächst (jeweils etwa ein Drittel des Welthandels), bedeutet der chinesische Erfolg eine strategische Herausforderung. So wird es darum gehen müssen, gerade die Beziehungen zu den chinakritischen Ländern, allen voran Japan und Australien, auszubauen und, idealerweise in Zusammenarbeit mit der neuen US-Regierung, westliche Werte in der Region hochzuhalten. Dies dürfte allein schon geboten sein, um dem chinesischen Expansionsstreben Richtung Taiwan, aber auch via „Road and Belt“ (die sogenannte neue Seidenstrasse) durch Mittelasien etwas entgegensetzen zu können. Leider ist Europa derart mit sich selbst beschäftigt, dass man europäische Ideen bezüglich der Neuordnung des globalen Handels zurzeit vergeblich sucht. Mit dem Brexit hat der alte Kontinent schliesslich ein eigenes veritables Problem direkt vor der Haustür. Und auch wenn der Sterling-Wechselkurs entspannte Zuversicht der Finanzmärkte bezüglich eines zumindest „skinny“ Deals bis zum 31.12. signalisiert, scheint die Aufmerksamkeit europäischer Handelspolitiker ausschliesslich auf dieses Datum fokussiert zu sein. Denn angesichts von Auflösungserscheinungen innerhalb der britischen Regierung – letzte Woche musste der bis dato mächtigste Strippenzieher, Chefberater Dominic Cummings, seinen Hut nehmen – erscheint nach wie vor auch das Undenkbare möglich: ein No-Deal-Exit, der die intensiven Handelsbeziehungen zwischen Grossbritannien und der EU auf WTO-Standards zurückwerfen würde. Und bei alledem steht die EU auch noch auf der Bremse, wenn es um eine beherzte fiskalische Antwort auf die Covid-Pandemie geht. Denn das am 21. Juli beschlossene 750 Mrd. Euro-Paket ist an den neuen Haushalt gekoppelt, und den lehnen Polen und Ungarn wegen der geplanten Verbindung mit Fragen der Rechtsstaatlichkeit ab. Zwar wären Corona-Hilfsgelder, etwa an die am stärksten betroffenen Länder wie Italien oder Spanien, ohnehin frühestens Mitte 2021 geflossen, nun aber stellt sich die Frage, ob es sie überhaupt jemals geben wird. Und so demonstriert Europa weiterhin seine Unfähigkeit, sich zwischen dem nun schon vier Jahre währenden Vakuum fehlender US-Aussenpolitik einerseits und einem immer selbstbewusster auftretenden China zu positionieren. Selbst Investoren, die angesichts des für 2021 zu erwartenden Wirtschaftsaufschwungs an eine Übergewichtung Europas denken, werden sich fragen, wie dauerhaft eine zyklisch bedingte europäische Outperformance wohl sein könnte.

Was das für Anleger bedeutet

Für Anleger bleibt es ein Wechselbad der Gefühle. Seit der konkreten Aussicht auf einen Impfstoff gegen Covid-19 ist die Normalisierung des Lebens rechenbar geworden. Sie liegt jetzt innerhalb des Zeitraums, durch den Marktteilnehmer üblicherweise hindurchschauen, vielleicht 6-9 Monate. Andererseits hinterlässt die zweite Covid-Welle gerade tragische Spuren, Hospitalisierungen und Todeszahlen nehmen in erschreckendem Masse zu. Die gestrigen Einkaufsmanagerindizes deuten zudem auf eine Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivität im vierten Quartal hin. So dürften die nächsten Wochen noch ein Hin und Her bleiben, bevor mit einer Stabilisierung der Infektionszahlen die guten Nachrichten zu überwiegen beginnen. Für Aktienanleger wäre es – wie alle Jahre wieder – ein übliches Phänomen in reichlich unüblichen Zeiten: Die Hoffnung auf eine Jahresendrally zu Weihnachten.

Quelle: AdvisorWorld.ch