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BlackRock :  Von der Epidemie zur Pandemie

BlackRock: Zuerst die gute Nachricht: Seit vergangenem Mittwoch ist die täglich gemeldete Zahl derer, die weltweit vom Corona-Virus genesen sind, höher gewesen als die der Neuinfizierten.

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BlackRock Aktueller Blick auf die Märkte


Von Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock


Somit ging die weltweite Zahl der Infizierten – zumindest offiziell – zurück. Die schlechte Nachricht: Besonders glaubwürdig sind die Daten angesichts mehrfacher Änderungen der Zählweise bei der Erfassung der Corona-Fälle in China nicht.

Damit aber noch nicht genug der besorgniserregenden Meldungen, denn während Maßnahmen zur Eindämmung des Virus in der chinesischen Provinz Hubei erste Früchte zu tragen scheinen, nehmen die Sorgen vor einer unkontrollierten Ausbreitung in anderen Regionen und Ländern zu. So zu beobachten etwa in Südkorea, wo die Regierung bestimmte Regionen zu speziellen Kontrollzonen erklärt hat, nachdem sich bereits mehr als 700 Menschen mit dem Virus infiziert haben. Äußerst beunruhigend sind auch die Meldungen aus der Lombardei und Venetien, wo die Zahl der Infizierten stark gestiegen ist. Was die Sorgen vor einer weltweiten Pandemie schürt, ist die zunehmende Zahl an Fällen, bei denen Experten den Ansteckungsverlauf nicht mehr zurückverfolgen können.

Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 sind aktuell noch überhaupt nicht abzuschätzen. Seriöse Prognosen sind frühestens möglich, sobald eine nachhaltige Eindämmung des Virus überall auf der Welt gelungen ist. Wie stark das Virus bereits jetzt die Laune in der Wirtschaft trübt, mussten wir letzte Woche erfahren, als Stimmungsindikatoren veröffentlicht wurden, die nach dem Ausbruch des Virus erhoben wurden. In Japan etwa droht aufgrund des Virus ein Abdriften in die Rezession, nachdem die Stimmung in der Industrie dort so schlecht ist, wie seit sieben Jahren nicht mehr. Aber auch außerhalb Asiens sind die ökonomischen Auswirkungen zu spüren. Etwa bei deutschen Autobauern: VW, Daimler und BMW verkaufen etwa jedes dritte Auto in China. Kein Wunder, dass die Sorgenfalten bei den Autobauern aktuell tief sind. Das größte Unbehagen unter den weltweiten Anlegern dürfte jedoch der enorme Rücksetzer des Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor in den USA bereitet haben. Erstmals seitdem der Index existiert, fiel der Wert letzte Woche unter die wichtige Marke von 50 Punkten, welche die Schwelle zwischen Expansion und Kontraktion markiert. Sollte eine der wichtigsten Stützen der Weltwirtschaft überhaupt – nämlich der US-Konsument – durch das Coronavirus brüchig werden, müssen die Prognosen für das Jahr 2020 ernsthaft überdacht werden.

Der EU-Sondergipfel in Brüssel in der vergangenen Woche konnte leider auch nicht als Stimmungs-Aufheller herhalten. Zentraler Zankapfel: der mehrjährige EU-Finanzrahmen. Die Fronten auf dem Gipfel waren dabei in jeglicher Hinsicht verhärtet: Nettozahler gegen Nettoempfänger, Ost gegen West, Länder, denen beim EU-Beitrag ein Rabatt gewährt wird gegen solche, die keinen bekommen. Wenig überraschend ging der Gipfel dann auch ohne Ergebnis zu Ende. Europaoptimisten könnten die Querelen in Brüssel als lediglich vorübergehendes Ungleichgewicht interpretieren, welches sich nach dem Austritt der Briten unweigerlich ergeben musste. Pessimisten, die sicher in der Mehrzahl sind, werden den Gipfel als weiteres Symptom dafür sehen, dass Europa immer weiter auseinanderdriftet und sich international somit unter dem Strich weiter selbst verzwergt. Es ist schlicht frustrierend zu sehen, wie Europa aufgrund seiner Handlungsunfähigkeit zwangsläufig mehr und mehr zum Spielball von China und den USA wird.

Auch das Momentum von Finanzmarkt-Schreckgespenst Bernie Sanders bei den Vorwahlen der US-Demokraten trägt sicher nicht gerade zur Beruhigung der Anleger bei. Strenggenommen war es zuletzt wohl vor allem das enttäuschende Bild, das Michael Bloomberg beim „Caucus“ in Nevada abgegeben hat, welches Hoffnungen vieler Anleger auf einen gemäßigten Kandidaten der Demokraten geschmälert hat. Wer die Debatte in Las Vegas letzte Woche im Fernsehen verfolgt hat, dürfte sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass Bloombergs Kampagne womöglich beendet ist, bevor sie so richtig angefangen hat. Die tölpelhafte Art und Weise, wie er mit erwartbaren Angriffen seiner Kontrahentinnen und Kontrahenten umging, dürfte selbst seine Anhänger geschockt haben. Bereits in der kommenden Woche könnte Sanders beim „Super Tuesday“ für eine Vorentscheidung sorgen. Nicht auszuschließen, dass Bloomberg danach bereits keine Rolle mehr im Vorwahlkampf spielt.

Was das für Anleger bedeutet

Aus „Buying the Corona dip“ seit Anfang Februar wurde ab letztem Donnerstag wieder nackte Angst, die zu Beginn dieser Woche in einem massiven Abverkauf an den Aktienmärkten gipfelte und Anleger in Scharen in sichere Häfen trieb. Offenkundig machte sich die Erkenntnis breit, dass sowohl der ökonomische Schaden durch das Virus in China als auch die Gefahr einer weltweiten Pandemie unterschätzt wurde. Der Goldpreis machte einen kräftigen Satz nach oben und der 10-jährige Zins für US-Staatsanleihen fiel in Richtung seines Allzeittiefs. Hinter dem Renditerückgang verbirgt auch die Vermutung, die US-Notenbank könnte die Zinsen angesichts der negativen Auswirkungen des Virus auf die globale Nachfrage und auch das globale Angebot zeitnah senken. Alles andere als zumindest eine weitere Zinssenkung seitens der Fed bis Jahresende wäre mittlerweile eher eine Überraschung.

Nach wie vor ist nicht davon auszugehen, dass das Virus Grundsätzliches an dem Makro-Regime ändern wird, in dem wir uns seit langer Zeit befinden (geringe Inflation, geringes Wachstum, geringe Schwankungen bei den Erwartungen hinsichtlich Inflation und Wachstum gepaart mit geringer Marktvolatilität).

Dennoch wird das Virus die Märkte wohl noch eine Weile im Griff behalten, sodass taktische Überlegungen der Investoren strategische bis auf weiteres dominieren dürften.

Quelle: AdvisorWorld.ch