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Capital Group : Brexit: Ende gut, alles gut, gar nichts gut?

Capital Group: Viereinhalb Jahre nachdem die britischen Wähler für einen Austritt des eigenen Landes aus der Europäischen Union votiert haben, konnten beide Seiten ein gemeinsames Vertragswerk aushandeln.

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Und das nur wenige Tage, bevor der Brexit am 31. Dezember 2020 offiziell in Kraft trat. Robert Lind, Volkswirt bei Capital Group, analysiert die Auswirkungen dieses Vertrags. Sein Fazit: Strafzölle auf Güter seien zwar abgewendet worden, ein deutlicher Einschnitt der Beziehung zwischen Europa und Grossbritannien sei dennoch zu erwarten.

Zunehmende Regulationen sind eine Folge

Einer der unmittelbarsten Effekte seien Grenzkontrollen und Zollanmeldungen. Diese dürften britische Unternehmen schätzungsweise rund sieben Milliarden Pfund jährlich kosten. Über einen Zeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren könnte es einen Rückgang des britischen Bruttoinlandsprodukts von fünf bis sieben Prozent geben – verglichen mit dem erwarteten Inlandsprodukt, wenn Grossbritannien in der Europäischen Union geblieben wäre. Zeitgleich könnten auch EU-Länder und vor allem jene mit tiefverwurzelten Handelsbeziehungen mit Grossbritannien wirtschaftlichen Schaden erleiden. Dies beziehe sich insbesondere auf Irland, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, die Niederlande und Dänemark.

Zwar handele es sich bei dem geschlossenen Handelsvertrag um einen der umfangreichsten, der je mit einem Handelspartner geschlossen worden sei, ein deutlich höheres Mass an Regulationen sei dennoch die Folge. „Britische Güter werden zukünftig danach beurteilt, zu welchem Anteil sie auf Produkten aus anderen Ländern beruhen. Insbesondere bei Autos und im Lebensmittelsektor wird dies von Bedeutung sein“, sagt Lind. „Auch Dienstleistungen – insbesondere aus dem Finanzsektor – sind nur bedingt Teil des Vertrags. Zwar will die EU dahingehend für Erleichterungen sorgen, mit der vorherigen Freizügigkeit wird es aber nicht zu vergleichen sein.“

Brexit, eine Chance zur Restrukturierung

Langfristig könnte das Ausscheiden Grossbritanniens aus der Europäischen Union zu einer Restrukturierung der britischen Volkswirtschaft mit weniger Abhängigkeit vom Finanzsektor, dem Wohnungsbau und Konsumentenausgaben führen. Allerdings seien dafür erhebliche Investitionen nötig, was in Anbetracht der bereits hohen Ausgaben im Zuge der Corona-Pandemie zu einer deutlich steigenden Staatsverschuldung in den kommenden fünf bis zehn Jahren führen könnte. Mit der Zeit könnte der Brexit zu stärkeren Beziehungen zu globalen Handelspartnern wie China, Indien oder den USA führen. Allerdings neigten Staaten, die geografisch nah zueinander lägen und über vergleichbare durchschnittliche Einkommen verfügten, zu mehr Handel. Ein Anstieg des Handels mit globalen Partnern werde daher voraussichtlich nur einen Bruchteil des wegfallenden Handels mit der EU wettmachen.

Kurzfristige und langfristige Effekte

Auf kurze Zeit gesehen, könnte der nun vollzogene Brexit positive Effekte auf binnenmarktorientierte britische Aktien und die lokale Währung Pfund Sterling haben, Anleiherenditen sähen sich einem Aufwärtsdruck ausgesetzt. Längerfristig könnte sich ein verlangsamtes Wirtschaftswachstum jedoch negativ auf Aktien auswirken. Zentral sei, dass das jüngste Vertragswerk nicht das Ende des Brexits bedeute, sondern nur eine Zwischenstation sei. „Die weitere Entwicklung der Handelsbeziehungen hängt sicherlich von den nationalen Wahlergebnissen Grossbritanniens im nächsten Jahr ab, weitere Verhandlungen werden aber sicherlich folgen“, sagt Lind. „Die Erfahrung mit Ländern wie der Schweiz oder Norwegen zeigt, dass die Beziehungen zur EU auch für Grossbritannien in Zukunft herausfordernd sein werden.“ Die zentrale Frage werde sein, wie viel Autonomie das Vereinigte Königreich in Zukunft für einen vereinfachten Marktzugang nach Europa abzugeben bereit sein wird. Die Unsicherheiten des Brexits und Störungen in den Handelsbeziehungen zwischen Grossbritannien und der Europäischen Union würden daher auch in den kommenden Jahren fester Bestandteil der europäischen Realität sein.

Quelle:  AdvisorWorld