Kumada Mikio LGT

LGT : Konjunktur: V-förmige Erholung sichtbar.

LGT : Die Wirtschaftsdaten der letzten Monate waren klar stärker als erwartet und sprechen für eine V-förmige Erholung in den meisten grossen Volkswirtschaften.

Abonnieren Sie unseren kostenloser Newsletter


LGT: Anlagepolitik für das vierte Quartal 2020

Mikio Kumada, Global Strategist LGT


Die aufgestaute Konsumnachfrage im Schlepptau der Lockdowns und die beispiellose konjunkturpolitische Unterstützung durch Regierungen und Zentralbanken haben zu einem beeindruckenden Aufschwung der Daten geführt, von den Einzelhandelsumsätzen über die Eigenheimkäufe bis hin zur Automobilproduktion.

Die aktuellen Wirtschaftsindikatoren, die aus einer Vielzahl solcher vergleichsweise hochfrequenten Daten bestehen, veranschaulichen dies deutlich. So haben sich die meisten grossen Volkswirtschaften bisher in einem eindeutig V-förmigen Muster erholt .

Mit Blick auf die Zukunft könnte diese Erholung uns schnell wieder über das Vorkrisenniveau führen. Die Tatsache, dass die meisten Anleger dies immer noch nicht erwarten , erhöht den Raum für positive Marktreaktionen im Falle einer fortgesetzten Entspannung. Zugegeben, die Fortsetzung der Erholung hängt in erster Linie von der öffentlichen Gesundheitssituation ab. Das Risiko besteht darin, dass kein wirksamer und weit verbreiteter Impfstoff gefunden wird, und somit Teile der sozialen und wirtschaftlichen Aktivität über einen noch längeren Zeitraum hinweg behindert bleiben.

Gleichzeitig wird sich die Wirtschaftspolitik aber genau aus diesem Grund weiter darauf konzentrieren, geld- und fiskalpolitische Unterstützung zu leisten, wobei die politischen Entscheidungsträger es vorziehen werden, lieber zu viel als zu wenig zu tun. Dies wiederum verringert das ökonomische Risiko, das sich aus einer ausgedehnten öffentlichen Gesundheitskrise ergäbe. Andererseits, obwohl die schlimmsten wirtschaftlichen Bremsspuren, die durch die Pandemie und/oder die Lockdowns verursacht wurden, hinter uns liegen, kommen nun politische Ereignisrisiken ins Spiel. Insbesondere im Vorfeld des US-Wahltermins (3. November) könnte die Nervosität an den Finanzmärkten wieder zunehmen.

Das wohl harmloseste Ergebnis wäre eine Konstellation, in der sich Republikaner und Demokraten in den diversen Themen der politischen Agenda weiterhin gegenseitig einschränken oder ausgleichen (z.B. Zölle, Steuern). Sowohl ein demokratischer als auch ein republikanischer Erdrutschsieg könnte daher als problematischer angesehen werden und die Volatilität erhöhen. Das mit Abstand schlimmste Szenario wäre jedoch ein umstrittenes Wahlergebnis, mit einer längeren Periode der politischen Unsicherheit. Obwohl dies nicht sehr wahrscheinlich erscheint, kann eine solche Entwicklung auch nicht ausgeschlossen werden.

Die Europäische Union hat in der Zwischenzeit einen grossen Schritt in Richtung Fiskalunion getan und damit das Risiko verringert, dass nationale Sehnsüchte für weitere Austritte erneut aufflackern. Der lange Trennungsprozess des Vereinigten Königreichs von der EU tritt unterdessen in eine kritische, letzte Phase ein. Die jüngsten britischen Gesetzgebungspläne zur unilateralen Regulierung von Angelegenheiten der gemeinsamen Interessen mit Irland haben das Risiko eines harten Brexit bis Ende des Jahres erhöht.

In China haben die Konjunkturmassnahmen wahrscheinlich ihren Höhepunkt erreicht, da die zyklische Normalisierung der Wirtschaft in Bezug auf die Rückkehr zum Wachstum den anderen grossen Volkswirtschaften mindestens ein Viertel voraus ist.

Schliesslich verfolgen viele andere Schwellenländer eine prekäre Laissez-Faire-Pandemiestrategie, bei der sie auf harte Massnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus verzichten und nicht genügend Mittel zur Unterstützung ihrer Volkswirtschaften bereitstellen.

In Summe hat sich unsere Einschätzung für die Schwellenländer zwar ebenfalls verbessert, jedoch bleiben Industrieländermärkte für uns weiterhin attraktiver – auch aufgrund des deutlich höheren Niveaus an konjunkturpolitischer Unterstützung und des Gewichts von krisenresistenten Technologieunternehmen.

Insgesamt scheint die US-Wirtschaft auf gutem Weg zu sein, eine der kürzesten Rezessionen der letzten 150 Jahre zu verzeichnen , während China bereits zu einer bescheidenen Expansion zurückgekehrt ist. Damit sollte auch die Weltwirtschaft im nächsten Jahr das stärkste Wachstum seit 2010 aufweisen .

Pandemiegewinner: Die Starken werden noch stärker

Formal endete der längste Bullenmarkt der Geschichte im ersten Quartal. Unter dem Gesichtspunkt der Marktanatomie erscheint die starke Erholung seit den Tiefstständen im März jedoch als eine Fortsetzung des bereits davor bestehenden risikofreundlichen Regimes.

Die vorherrschenden Themen und Treiber sind schliesslich die gleichen geblieben: grosszügige wirtschaftspolitische Unterstützung, sehr niedrige Zinsniveaus, die Jagd auf Rendite, die Vormachtstellung der digitalisierten Wirtschaft und so weiter. Somit hat der Pandemie-Crash vom Februar und März weder einen Paradigmenwechsel verursacht noch ein neues Marktregime eingeleitet. Stattdessen hat es das alte Regime zusätzlich akzentuiert. Ein Beispiel hierzu ist die extreme Divergenz zwischen den Umsätzen in traditionellen Bereichen des Einzelhandels und der Online-Geschäfte.

Aufgrund ihrer Grössenordnung und ihrer weltweiten Verbreitung könnten die globalen Konjunkturmassnahmen auch lange nach dem Abklingen der Pandemieschäden nachwirken.

Daher schätzen wir die Marktaussichten derzeit konstruktiv ein. In der jüngsten Marktschwäche bei Technologieaktien sehen wir im Grossen und Ganzen gesunde und notwendige Konsolidierungen von extrem schnellen diesjährigen Kursgewinnen, statt Vorboten für ein drohendes Ende einer spekulativen Marktblase.

Die Anleger halten immer noch sehr viel Liquidität

Darüber hinaus sind Stimmung und Positionierung der Anleger in Risikoaktiva trotz des allgemeinen Anstiegs der Preise und Bewertungen immer noch nicht bullisch, sondern bestenfalls nur vorsichtig optimistisch.

Die Liquiditätsposition sowohl von Privatinvestoren als auch von institutionellen Anlegern in den USA verharrt trotz der Jahrhundertrallye immer noch auf den Niveaus der Marktpanik vom Februar und März und ist auch in den letzten Wochen nur geringfügig gesunken . Unter institutionellen Anlegern erreichte die Geldmarktposition am 18. Mai einen Höchststand von 3.34 Billionen US-Dollar und ist seitdem nur um 285 Milliarden US-Dollar gesunken – d.h. um weniger als 1% der Marktkapitalisierung des S&P 500. Privatanleger haben noch weniger abgebaut.

So erhöhen wir unsere Aktienquote auf Kosten der festverzinslichen Wertpapiere auf ein moderates Übergewicht. Gleichzeitig behalten wir auch unsere bedeutende taktische Position in Gold bei. Infolgedessen ist unser Modellportfolio jetzt vollständig investiert (d.h. wir halten keine Barreserven). Wir haben zudem alle Währungspaarwetten geschlossen und halten somit keine aktiven Wechselkursrisiken.

Konkret setzen wir für das neue Quartal die folgende taktische Anlagepolitik um:

Aktien werden insgesamt leicht übergewichtet, wobei die Industrieländer eindeutig bevorzugt werden:

Aufgestockt werden unsere Positionen in den USA und Europa. Mittel- bis langfristig wird die Führung der US-amerikanischen Technologieunternehmen wahrscheinlich eine dominierende Marktkraft bleiben, und wir sind bestrebt, an diesen strukturellen Themen weiter teilzunehmen. Kurzfristig könnte die starke wirtschaftliche Erholung und die daraus resultierende Versteilung der Zinsstrukturkurven eine Rotation in die traditionellen zyklischen Sektoren und Wertaktien unterstützen – d.h. in Aktien, die bisher zurückgeblieben sind. Das Argument spricht unter anderem für Investitionen in die europäischen Indizes.

Umgekehrt sind Aktien in Schwellenländern leicht untergewichtet. Diese Volkswirtschaften sind aufgrund der vergleichsweise schwachen Krisenreaktionen (mit einigen bemerkenswerten Ausnahmen in Asien) weiterhin konjunkturellen Gegenwinden ausgesetzt, während die Bewertungen im Vergleich zu den Industrieländern nicht sehr überzeugend sind.

Bei festverzinslichen Wertpapieren bleiben wir in allen Bereichen untergewichtet (Duration, Unternehmenskredite, Schwellenländer):

Staats- und Unternehmensanleihen (Investment Grade) haben in den letzten Monaten an Wert gewonnen. Wir haben diese Investitionen erneut reduziert und in Aktien umgeschichtet. Die wirtschaftspolitischen Aussichten sprechen auf Dauer für steilere Renditekurven unserer Ansicht nach. Unser Fixed-Income-Team nimmt unterdessen Gewinne aus ihrer Übergewichtung von inflationsgekoppelten Anleihen mit. Dieser Schritt folgt auf eine Phase relativer Stärke im Vergleich zu nominalen Anleihen. Das langfristige Inflationspotenzial rechtfertigt unserer Ansicht nach jedoch weiterhin klar eine strategische Grundquote für Inflationsschutz.

Emissionen von Unternehmensanleihen haben in diesem Jahr Rekorde aufgestellt. Unternehmen haben die günstigen Marktbedingungen genutzt, um Liquiditätspolster zur Überbrückung der Pandemiephase aufzubauen. Die aktuell sehr niedrigen Risikoprämien, die höheren Ausfallraten und die Reduzierung der Käufe durch Zentralbanken aufgrund des Nachlassens des ersten Pandemieschocks motivieren uns, untergewichtet zu bleiben.

In Währungen nehmen wir diesmal keine aktiven Positionen ein, behalten aber unsere seit längerem bestehende taktische Investition in Gold bei:

Gold dient der Portfoliodiversifikation bei unvorhergesehenen geopolitischen Ereignissen, allgemeinen Marktturbulenzen oder steigenden Inflationserwartungen. Es dient auch als alternative Wertsicherungsanlage in Zeiten des Reflationsprimats, der Ängste vor klassischen Währungskrisen am Leben erhält.

Quelle:  AdvisorWorld.ch