Kumada Mikio LGT

LGT: Wiederaufleben der Pandemie kümmert die Märkte nicht

LGT : Trotz der wiederaufgeflackerten Pandemie in den USA und einigen anderen Regionen blieb die Stimmung an den Börsen in den letzten Wochen recht freundlich und die globalen Aktienbarometer notieren in der Nähe der Höchststände von Anfang Juni.

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Mikio Kumada, Global Strategist LGT


Selbst bei einer Rallye von 43% des Weltaktienindex zwischen dem 23. März und dem 8. Juni waren die zwischenzeitlichen Rückschläge von kurzer Dauer und oberflächlich.

Insbesondere chinesische Aktien verzeichneten ein Kursfeuerwerk und glichen damit die langsamere Aufwärtsdynamik in den anderen Märkten aus. Der CSI 300 hat allein in den ersten zwei Juliwochen etwa 15% zugelegt.

Damit hat der chinesische Börsenindex hinsichtlich seiner Erholung von den Tiefstständen im März mit dem S&P 500 in den USA weitgehend mithalten können .

Die meisten grossen Märkte haben sich von der anfänglichen Pandemie-Panik im Februar und März sehr gut erholt und inzwischen zwei Drittel bis drei Viertel, wenn nicht sogar mehr, der Verluste wettgemacht. Die Tatsache, dass die Pandemie seit spätestens Ende Mai ihre zweite Ausbruchswelle erlebt, hat der Rallye bisher nicht geschadet. Allenfalls hat dies die Aufwärtsdynamik etwas verlangsamt und das Preisniveau innerhalb einer Bandbreite gehalten .

Können Aktienkurse auch bei einer erhöhten Infektionsanzahl steigen. Dies war in den USA im März und April der Fall und ist nun auch seit Mitte Juni zu beobachten. Die weltweite Fallzahl steigt schon seit Mai, ohne die Märkte zurückzuhalten.

Ignorieren Anleger die Risiken für die öffentliche Gesundheit zu Unrecht oder konzentrieren sie sich korrekterweise auf die rein wirtschaftlichen Aspekte des Ausbruchs? Klar ist nur: Falls die Gesundheitssysteme in der Lage sind, die Krise zu bewältigen, dann sinkt die Wahrscheinlichkeit von erneuten umfangreichen Stilllegungen der Wirtschaft – und die Hausse kann anhalten. Die Verfügbarkeit eines Impfstoffes stellt auf Dauer natürlich die entscheidende mögliche Kapazitätsverbesserung im Gesundheitswesen dar.

Ausgewogene Risikoaussichten

Gegenwärtig beurteilen wir die Aufwärts- und Abwärtsrisiken für Risikoanlagen für die kommenden Wochen als weitgehend ausgeglichen – sie heben sich weitgehend auf:

Aufwärtsrisiken:
  • Durchbruch in der Impfstoffforschung
  • TINA («there is no alternative»): Es gibt keine Alternative zu Anlagen in Aktien
  • Grosszügige Konjunkturpolitik
  • Positionierung: Viele Anleger blieben während der Erholung vorsichtig und bilden somit ein grosses Reservoir an potenziellen Käufern
Abwärtsrisiken:
  • Pandemie- und Lockdown-Risiken
  • Die Aktienbewertungen sind gestiegen, die Aussichten sind ungewiss
  • Enttäuschungen bezüglich der Konjunkturpolitik
  • Irritierende politische Aktionen von Präsident Trump

Daher bevorzugen wir es, den Kurs in Bezug auf die Strategie beizubehalten: Wir halten das Aktienrisiko nahezu neutral, während wir uns auf ein regelmässiges Rebalancing konzentrieren, wenn sich die Preise deutlich in die eine oder andere Richtung bewegen.

Impfstoffdurchbruch versus wiederkehrende Lockdowns

Was die Pandemie betrifft, so scheint die ausschlaggebende Messgrösse für Anleger nicht die Fallzahl zu sein, sondern die Todesfälle – als Indiz dafür, wie gut oder schlecht die Behörden mit der Krise zurechtkommen. Bisher blieben im Gegensatz zu den Infektionen die täglichen Todesfälle im Allgemeinen stabil oder waren rückläufig .

Wenn sich dies insbesondere in einem der grossen Industrieländer ändern sollte, dann steigt das Risiko von weiteren umfassenden allgemeinen Lockdowns stark an – mit negativen Folgen für die Märkte. Gezielte lokale Massnahmen, die es den meisten Unternehmen ermöglichen, im Geschäft zu bleiben, könnten die Anleger jedoch wohl weiterhin ganz gut verkraften. So hat die jüngste Wiedereinführung von einigen Restriktionen in Kalifornien die Märkte kaum belastet.

Wichtig ist zudem das Potenzial für mögliche Durchbrüche in der Impfstoffforschung. Auch wenn zwischen ersten Forschungserfolgen und allgemeiner Verfügbarkeit von Impfungen viel Zeit vergehen dürfte, die Märkte würden solche medizinische Nachrichten wahrscheinlich sofort positiv einpreisen. Die jüngste Nachricht, dass ein Impfmittel des US-Pharmaunternehmens Moderna Inc. die ersten Sicherheitstests der Gesundheitsbehörden erfolgreich passieren konnte, stellt ein gutes Beispiel dar. Auf solche News können die Märkte weltweit überaus positiv reagieren.

«TINA» versus steigende Bewertungen

Im Allgemeinen bleiben Aktien aus historischer Sicht immer noch attraktiv bewertet – selbst in den USA, dem teuersten Markt der Welt. Die sehr niedrigen Zinsniveaus sind hierbei ausschlaggebend. Hinzu kommt, dass inzwischen alle grossen Zentralbanken eine klar inflationsfreundliche Haltung eingenommen haben. Daher dürften die Zinsen wahrscheinlich noch länger sehr niedrig bleiben, als vor der Pandemie angenommen. Die Realzinsen könnten sogar lange Zeit im negativen Territorium verharren. Infolgedessen bleiben Anleger, die eine Überschussrendite gegenüber risikofreien Zinssätzen anstreben, weiterhin gezwungen, das Prinzip TINA zu akzeptieren. Dieser Zustand verschafft den Börsen auf Sicht weiter strukturellen Auftrieb – selbst wenn die Bewertungen weiter auf faire oder sogar teure Niveaus steigen sollten.

Derweil ist selbst einer der teuersten US-Marktsektoren, Informationstechnologie (IT), im Allgemeinen keinesfalls extrem hoch bewertet. Die aktuellen Bewertungen des amerikanischen IT-Sektors sind mit der frühen Phase des Dotcom Booms der späten neunziger Jahre vergleichbar (Grafik 6, PDF, Seite 3). Erwähnenswert ist auch, dass viele internetbezogene Unternehmen damals kein Geld verdienten, während die heutigen Technologiegiganten in der Regel sehr profitabel sind.

Im Falle einer freundlichen Makroentwicklung in den kommenden Jahren gibt es also einen weiteren Spielraum nach oben. Im Lichte der pandemiebedingten aktuellen Konjunktursituation erscheint der rasante Bewertungsansprung seit März jedoch durchaus überzogen. Kurz: Die Bewertungen sind seit März gestiegen und einige Segmente haben möglicherweise zu schnell eine zu starke Verbesserung eingepreist. Anderseits bildet TINA ein starkes Gegengewicht.

Starke versus enttäuschende Konjunkturprogramme

Die von den meisten grossen Ländern beschlossenen Konjunkturprogramme haben die wirtschaftlichen Erwartungen stabilisiert und eine Erholung ermöglicht, die sich als eine der steilsten in der Geschichte erweisen könnte. So stehen die verschiedenen Einkaufsmanagerindizes (PMI) und ähnliche Geschäftsaussichtsindikatoren inzwischen entweder wieder auf Wachstumskurs oder kurz davor. In den USA hat der PMI des Institute for Supply Management (ISM) für die Dienstleistungen beispielsweise sehr rasch nach dem Einbruch die 50er-Marke wiedererklommen. Während der globalen Finanzkrise 2008/2009 brauchte die Branche dafür ein ganzes Jahr. Vergleichbare Frühindikatoren aus Europa weisen in die gleiche Richtung .

Während diese Massnahmen jedoch bereits weitgehend eingepreist scheinen, können künftige konjunkturpolitische Enttäuschungen nicht ausgeschlossen werden: Der hohe Grad an konfrontativer politischer Polarisierung in den USA ist ein Problem. In der Europäischen Union sträuben sich mehrere nordeuropäische Regierungen dagegen, Defizitausgaben in den Mittelmeerländern abzusegnen. Darüber hinaus könnte jedes politische Signal, dass die fiskalische und monetäre Unterstützung vorzeitig zurückgerudert werden könnte, das Gespenst eines Rückfalls in die Rezession schüren und die Börsen schockieren. So hatte selbst die grundsätzlich sehr stimulierungsfreundliche US Federal Reserve in der zweiten Hälfte des Jahres 2018 den gleichen Fehler begangen.

Irritationen von Trump versus Positionierungsrisiken

Die Wiederwahlchancen von Präsident Donald Trump im November scheinen in den letzten Wochen praktisch verschwunden zu sein. Die meisten Meinungsumfragen sowie die gehandelten Wettquoten deuten auf einen Erdrutschsieg der Demokraten hin – d.h. Joe Biden gewinnt das Weisse Haus und seine Parteigefährten die Mehrheit im Senat und Repräsentantenhaus (Grafik 9, PDF, Seite 4). Die Märkte haben Trumps Pandemiekrisenmanagement zwar weitgehend ignoriert, die Wähler jedoch offensichtlich nicht.

Ein Sieg der Demokraten galt im Allgemeinen als ein potenzieller Gegenwind für die Märkte. Diese Haltung hat sich in den letzten Wochen begonnen zu verändern. Obwohl die Anleger weiterhin damit rechnen, dass die Demokraten eine weniger wirtschaftsfreundliche Politik verfolgen werden als die Republikaner, insbesondere was die Unternehmenssteuern betrifft, sind die Börsen freundlich geblieben, während sich die Umfragen und Wettquoten stetig von der derzeitigen Regierung abwandten. Die Argumente zugunsten der Demokraten lauten: Anhaltende Defizitausgaben und Investitionen würden die Steuererhöhungen ausgleichen, während eine diplomatischere Aussenpolitik die internationalen Reibungsflächen verringern würde.

Bis dahin besteht allerdings das Risiko, dass Präsident Trump die internationalen Spannungen in handels- und geopolitischen Fragen bewusst eskaliert, um seine Wählerbasis zu stärken. Auch wenn es schwierig ist die Wahrscheinlichkeit und die Auswirkungen solcher Entwicklungen abzuschätzen, negieren können wir sie nicht – zumal es an geopolitischem Konfliktpotential nicht mangelt. Sollten die Märkte Trump jedoch als einen «Lame Duck»-Präsidenten wahrnehmen, der seine Zeit im Wesentlichen hinter sich hat, könnten die Märkte jede seiner kommenden Ankündigungen auch einfach ignorieren.

Viele Anleger blieben auch während der Erholung von März bis Juni vorsichtig und könnten etwaige Volatilitätsepisoden als Gelegenheit ansehen, auf niedrigeren Niveaus einzusteigen. Wie die Daten der US Federal Reserve aufzeigen, sind die Liquiditätsquoten von privaten und institutionellen Investoren seit März nur leicht gesunken und bleiben auf hohen Niveaus (Grafik 10, PDF, Seite 4). Dieses Ungleichgewicht bei der Positionierung zugunsten der Risikoaversion bedeutet, dass immer noch viel Kapital darauf wartet, früher oder später wieder in riskantere Anlagen investiert zu werden.

Quelle:  AdvisorWorld.ch