LGT: Wir bleiben bei unserer konstruktiven Markteinschätzung

Der US-Wahlkampf hatte bereits im Vorfeld des gestrigen Wahltags die Märkte recht deutlich belastet, obwohl sich die Konjunkturdaten grundsätzlich weiter aufgehellt hatten. Das vorläufige Wahlergebnis kam somit nicht ganz überraschend. Der erste Börsenschock könnte sich daher bald wieder legen. Wir bleiben vorerst grosso modo bei unserer relativ freundlichen Markteinschätzung….

 

Von Mikio Kumada, CIIA bei LGT Capital Partners


Rund zwei Wochen vor den US-Wahlen begannen viele Umfragen zugunsten des republikanischen Kandidaten Donald Trump zu drehen und den bis dahin favorisierten Wahlsieg der Demokratin Hillary Clinton in Frage zu stellen. Damit begann auch die Marktvolatilität deutlich zu steigen. Der US-Aktienvolatilitätsindex VIX erreichte schon am vergangenen Freitag annähernd das Niveau, das kurz nach dem Brexit-Votum vom Juni markiert wurde. Der breite US-Aktienindex S&P 500 verbuchte an neun Handelstagen hintereinander Verluste, was zuletzt 1980 stattfand. Der Markt begann also einen Trump-Sieg einzupreisen.
 
Mit dem Sieg Trumps ist dieser Prozess zumindest teilweise abgeschlossen. Der Markt dürfte sich damit bald wieder auf die weiterhin insgesamt konstruktiven ökonomischen Fundamentaldaten und marktinternen Entwicklungen konzentrieren. Wir sehen jedenfalls derzeit noch keinen Anlass, unsere darauf basierende taktische Asset-Allokation (TAA) für die kommenden Monate ad-hoc zu ändern. Eine unveränderte TAA-Meinung impliziert, dass Turbulenzen grundsätzlich für Käufe genutzt werden sollten, ebenso, wie sich starke Kursgewinne für Verkäufe anbieten (Portfolio-Rebalancing).
 
Trotz des schrillen Wahlkampfes gilt für uns, dass sich die zugrundeliegenden Kernpositionen beider Kandidaten grundsätzlich nicht extrem von jenen früherer Parteigenossen unterscheiden. In vielen Demokratien weisen die politischen Trends zudem schon seit Jahren auf zunehmend gespaltene, zum Protektionismus neigende und radikalisierte Wählerpräferenzen hin. Zu guter Letzt sollten längerfristig ausgerichtete Portfolioentscheidungen prinzipiell nicht ad-hoc auf schwer voraussehbaren Ereignissen basieren.
 
Unterschiedliche Ebenen der Anlageallokation
Das bedeutet keinesfalls, dass politische Entwicklungen generell irrelevant sind. Nur sollten Anleger die unterschiedlichen Ebenen und Zeithorizonte von Allokationsentscheidungen unterscheiden. Unterhalb der TAA-Ebene gibt es die im Rahmen des aktiven Portfoliomanagements (PM) laufend notwendigen Adjustierungen («PM-Overlay»). Hier können Ereignisse wie Wahlen natürlich eine Rolle spielen und unsere PM-Teams haben im Vorfeld der Wahlen selbstverständlich Aktionen gesetzt, um von kurzfristigen Kursschwankungen zu profitieren bzw. sich dagegen abzusichern.
 
Die übergeordnete strategische Allokationsebene (SAA) hat einen langfristigen Horizont und wird selbstverständlich nicht ad-hoc entschieden. Die aktuellen politischen Entwicklungen in den meisten Industrieländern basieren schliesslich weitgehend auf Trends, die schon seit Jahren zu beobachten sind und mit der schwachen wirtschaftlichen Erholung von der US-Finanzkrise von 2007/2008 und deren Nachfolgeproblemen zusätzlich akzentuiert wurden. Die sich daraus ergebenden wichtigsten Konsequenzen (dauerhaft sehr tiefe Zinsniveaus, erhöhte Fragilität und Volatilität der Konjunktur und der Märkte, reduzierte langfristige Ertragserwartungen, etc.) wurden in unserer SAA bereits weitgehend berücksichtigt. Auch hier bietet das US-Wahlergebnis keine neuen Erkenntnisse.
 
Das Fazit für heute: Die US-Wahlen scheinen nun ausgefochten. Was bleibt, ist ein relativ gutes Makroumfeld und konjunkturpolitisch freundliche Notenbanken und Regierungen. Der Sieg der Republikaner könnte zudem eine wirtschaftsfreundliche Politik bringen, auch wenn diese möglicherweise durch protektionistische Elemente ausgeglichen werden könnten. Sobald sich der Staub des ersten politischen Schocks legt, steht einer Kursstabilisierung in den nächsten Tagen aber grundsätzlich wenig im Wege und wir werden die Situation natürlich entsprechend beobachten.
 
Tendenziell freundlicher Wirtschaftsdatenkranz

Die Wirtschaftsdaten der grössten Volkswirtschaften haben sich im Laufe der letzten Wochen unter dem Strich aufgehellt. In den USA hat sich das reale Wirtschaftswachstum im dritten Quartal beispielsweise deutlich stärker als vom Konsens prognostiziert erholt (es betrug 2.9%, annualisierte Veränderungsrate gegenüber Vorquartal, nach 1.4% im Q2 und nur 0.8% im Q1). Im Euroraum, der zweitgrössten Volkswirtschaft, blieb es zwar zuletzt wie erwartet insgesamt stabil aus, es gab aber Mitte bis Ende Oktober im Bereich der Stimmungsindikatoren positive Überraschungen (z.B. ZEW- und IFO-Geschäftsumfragen für Deutschland). Auch die britische Wirtschaft hält sich sehr gut, ebenso wie China, die zweitgrösste nationalstaatliche Ökonomie.
 
Diese fundamentalen Datentrends wurden zudem in den letzten Wochen teilweise auch von sehr marktnahen indirekten Wachstumsindikationen bestätigt. So sind langfristige Marktzinsen weltweit in stärkerem Ausmass gestiegen, als im kurzfristigen Bereich – d.h. die Zinskurven sind global steiler geworden. Steilere Zinskurven signalisieren typischerweise, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer von einem verbesserten Wachstums- und Inflationsausblick ausgeht. Dass die Inflationserwartungen wieder zu steigen begonnen haben, lässt sich aktuell im Handel mit inflationsgekoppelten Finanzinstrumenten ablesen (Inflationstermingeschäfte, inflationsgekoppelte Anleihen, etc.)
 09 11 16 1LGT

 

Zyklische Frühindikatoren bleiben weltweit auf Erholungskurs

Im Bereich der vorausschauenden Konjunkturbarometer ist der aggregierte globale Markit-Einkaufsmanagerindex im Oktober nicht nur im Wachstumsbereich geblieben, sondern hat sich sogar deutlich erholt, von 51.7 auf 53.3 Zähler. Dieser Frühindikator hellt sich seit einem zyklischen Tief im Februar stetig auf. Im Oktober fiel der Ausschlag allerdings besonders deutlich aus. Der entsprechende Index für die Schwellenländer ist ebenfalls gestiegen: Seit Mitte dieses Jahres notiert auch der EM-PMI ganz klar oberhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

09 11 16 2LGT

 

Quelle: AdvisorWorld.ch