M&G: 2016: Keine großen Überraschungen, nur andere

Einige Überraschungen sind überraschender als andere Überraschungen. Wenn Ereignisse, wie beispielsweise Wahlen, ein nur binäres Ergebnis haben, dann ist es unmittelbar und problemlos möglich, die eigenen Erwartungen mit der Realität zu vergleichen. Kommt es dabei zu Überraschungen, dann sind dies „Schocks“….

Stuart Canning


Wenn sich andererseits etwas über einen längeren Zeitraum hinweg verändert –  der Preis für Rohöl, das Wachstum einer Volkswirtschaft, die Zinssätze usw. –, dann entwickeln sich unsere Ansichten und Einschätzungen parallel zu diesen längerfristigen Entwicklungen. In der Folge vergessen wir häufig, wie überraschend ein Endergebnis sein kann, wenn wir es mit dem ursprünglichen Ausgangspunkt unserer Erwartungen vergleichen. Dabei kommen alle typischen verhaltensbedingten Neigungen ins Spiel: korrigierte Nachbetrachtungen, Bestätigung, Myopie.

Das vergangene Jahr wird wahrscheinlich als ein Jahr der Überraschungen in die Geschichte eingehen, da wir eine Reihe an „Schocks“ erlebten. Investoren müssen sich fraglos um die Schocks Sorgen machen, doch sind es oftmals die nur bedingt offensichtlichen Überraschungen, die für die Renditen von größerer Bedeutung sind.

Hier nun einige Beispiele für große Überraschungen, die weniger ins Auge gefallen sind als Brexit oder die Wahl von Donald Trump, die aber nichtsdestotrotz für die Renditen der Investoren eine ebensolche wichtige Rolle gespielt haben. Die folgende Grafik zeigt die Zinserwartungen in den USA, wie sie sich vor ungefähr zwölf Monaten dargestellt haben.

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Zu Beginn des Jahres 2016 dominierte die Einschätzung, dass der Leitzins der US-Notenbank Fed im Jahr 2020 bei ca. 1,4% liegen würde. Die Fed hatte gerade erst die geldpolitischen Zügel angezogen, doch waren die Wachstumserwartungen aufgrund von internationalen Herausforderungen weiterhin niedrig.

Dies sollte sich jedoch bis zur Jahresmitte dramatisch ändern. Im Januar und Februar 2016 drehten sich viele Diskussionen um eine unmittelbar bevorstehende Rezession, welche größtenteils auf die Folgen der Ölpreisentwicklung zurückgeführt wurde. Die Antwort in Form der Anlagenpreise und der Berichterstattung in den Medien war brutal.

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Im Juni deuteten die Futures darauf, dass der Leitzins der US-Notenbank bis 2020 bei 0,6% erwartet wurde.

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Sechs Monate später sind die Zinsen jedoch bereits höher. In der Zwischenzeit setzt der US-Aktienmarkt seinen Kletterkurs auf immer neue Rekordmarken fort. Die Umschichtung der Erwartungen von „Alles verkaufen“ zu einer Diskussion bezüglich der Vorzüge von „Reflation“ war drastisch.

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Wir sehen hier enorme Schocks für die Konsensusmeinung: Die Erwartungen vieler Marktteilnehmer und Beobachter zu Jahresbeginn lagen nur sechs Monate später in Trümmern und wurden bis Weihnachten erneut durcheinander geschüttelt.  Diese Art der Überraschung erhält allerdings deutlich weniger Aufmerksamkeit, da die menschliche Psyche von schockähnlichen Überraschungen stärker angezogen wird. Korrigierende Nachbetrachtungen spielen zudem die Beweise herunter, dass wir falsch gelegen haben.

(Wenig) überraschende Veränderungen, die für Investoren von Bedeutung sind

Wir sind oftmals überrascht, ohne dies überhaupt zu realisieren. Dies lässt sich dadurch illustrieren, wie sich aktuelle Themenschwerpunkte im Laufe der Zeit verändert haben. Die nachfolgende Grafik zeigt die populärsten Themen am Runden Tisch der Financial Times im Dezember 2015. Man beachte den Schwerpunkt auf Wachstum, China, Öl, Rohstoffe und Europa.

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Ein Jahr später ist es klar, wie sehr sich die Lage verändert hat: Jetzt stehen Trump, Brexit, Politik und der Handel im Mittelpunkt. China ist immer noch ein Thema, Öl und Rohstoffe sind allerdings von der Agenda verschwunden.

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Es sollte uns mehr überraschen, dass sich die für die Märkte wirklich wichtigen Ereignisse von unseren Erwartungen häufig völlig unterscheiden. Hinzu kommt, dass wir diese Art der Überraschungen jedes Jahr erleben und nicht nur in 2016. Glücklicherweise schaffen sie aber auch Gelegenheiten für Investoren, welche wir als Marktepisoden ansehen.

Die Erwirtschaftung von Erträgen aus „Schocks“ im Gegensatz zu anderen Überraschungen

Ein jeder, der in 2016 aus der korrekten Vorhersage von wichtigen Überraschungen – das britische Brexit-Votum, die US-Präsidentschaftswahl, das italienische Referendum – Geld gemacht hat, tat dies wahrscheinlich eher durch einen Besuch im Wettbüro als an den Finanzmärkten.

Selbst wenn wir diese Überraschungen im Voraus gekannt hätten, so waren doch die Preisreaktionen nicht das, was wohl erwartet worden wäre. Im Vorfeld der Wahl deuteten zum Beispiel die meisten Beobachter an, dass ein Sieg für Clinton zu einer Erholungsrally bei den mehr risikoreichen Anlagewerten führen würde, während eine Wahl von Trump von Risikoaversion begleitet würde. Tatsächlich aber erlebten Aktien im Anschluss an die Wahl von Trump eine Rally, während für Staatsanleihen eine Schwächeperiode begann.

Es kann hingegen profitabler sein, sich auf die potenziell weniger aufsehenerregenden Überraschungen zu konzentrieren.  Wäre die Verschiebung der Konsensmeinung gegen Mitte des Jahres in ihrem Umfang voll erkannt worden – letztendlich erfolgte sie ohne eine große Veränderung der Fundamentaldaten – so hätten sich die folgenden Aktien- und Anleihenepisoden in der zweiten Jahreshälfte ausnutzen lassen können. Wenn die Preisgestaltung am Markt auf ein übersteigertes Selbstvertrauen in die Zukunft deutet, dann könnten sich attraktive Renditen anbieten.

Die gute Nachricht in 2016 war, dass uns erneut vor Augen geführt wurde, wie viele Überraschungen die Welt zu bieten hat. Die Investoren sollten Überraschungen erwarten und Maßnahmen ergreifen, ihr Gefühl der Sicherheit zu hinterfragen. Investmentgelegenheiten entstehen, wenn der Markt zu viel Selbstvertrauen hat.

Quelle:  AdvisorWorld.ch