Rieke Stephan ODDO BHF

ODDO BHF AM: Chinesischer einkaufsmanagerindex im freien fall

ODDO BHF : Der offizielle Einkaufsmanagerindex der chinesischen Industrie fiel vor dem Hintergrund der CoronavirusKrise im Februar um 14,3 Punkte auf das Rekordtief von 35,7 Zähler; das US-Pendant gab leicht auf 50,1 Punkte (nach 50,9) nach, das Barometer der Eurozone kletterte sogar um 1,3 auf 49,2 Punkte.

Meinung am Freitag von Stephan Rieke, Leiter Investment Office Märkte


Die in der Vorwoche noch sehr schwachen Aktienmärkte zeigten sich von dem Absturz des chinesischen PMIs nur wenig beeindruckt.

Die Leitindizes zeigten im Verlauf der letzten Tage immer wieder Ansätze zu einer Kurserholung. Dies gilt insbesondere auch für den im Epizentrum der Krise stehenden chinesischen CSI 300 (+5,0%), der auch als einziger für 2020 einen positiven(!) Jahressaldo ausweist.

Corona-Virus: Allmähliche Entspannung in China, aber Verschlechterung in Italien

Laut den Daten der Weltgesundheitsorganisation (Stand: 05.03.2020) sind in China bisher insgesamt 80565 Menschen an dem Coronavirus erkrankt und 3015 verstorben, die Zahl der bestätigten neuen Infektionen (143) und der Todesfälle (31) hat sich zuletzt erfreulicherweise weiter reduziert. Allerdings sehen wir am aktuellen Rand bislang noch keine belastbaren Signale für die erhoffte deutliche Wiederbelebung der chinesischen Wirtschaftsaktivitäten. Die Krankheitsdaten aus den ebenfalls stark betroffenen Ländern Südkorea und Italien zeigen eine unterschiedliche Entwicklung. Während sich in Südkorea (5766 Erkrankungen) die Zahl der Neuinfektionen in den letzten Tagen bei etwa 500 stabilisierte, zeigen die Zahlen der neu infizierten Personen (587) in Italien (Erkrankungen insgesamt: 3089) in der Tendenz leider weiter nach oben.

Reaktion der G7-Länder und der Notenbanken auf die Virus-Krise

Die rasche Verbreitung des Corona-Virus über alle Ländergrenzen und Kontinente hinweg hat die OECD veranlasst, ihre Schätzung des globalen Wirtschaftswachstums für 2020 von 2,9% auf 2,4% zu reduzieren; die Prognose für 2021 unterstellt allerdings eine deutliche Erholung der Weltwirtschaft und wurde von 3,0% auf 3,3% erhöht.

Auf dem am Dienstag anberaumten Treffen der Finanzminister und Notenbanker der G7-Länder wurden keine konkreten Beschlüsse gefasst, man beschränkte sich auf die Aussage, nötigenfalls geld- und fiskalpolitische Instrumente einzusetzen. Für eine Überraschung sorgte die US-Notenbank, die auf einer außerplanmäßigen Sitzung die Zielzone ihres Leitzinses um 50 Basispunkte auf 1,00 -1,25% senkte. Trotz ihrer unverändert konstruktiven Einschätzung des Zustands der US-Wirtschaft („The fundamentals of the U.S. economy remain strong.“) diagnostizierte sie virusbedingte Konjunkturrisiken. Sie folgte mit diesem Schritt den Notenbanken Asiens (u.a. China, Südkorea, Indonesien, Malaysia, Thailand) und der Reserve Bank of Australia.

„Super Tuesday“ bringt Biden und Sanders in die Favoritenrolle

Mit den Delegiertenwahlen vom Dienstag haben sich bei den Demokraten klare Favoriten für die USPräsidentschaftskandidatur herausgebildet. Die Bewerber Buttigieg und Klobuchar verzichteten zugunsten von Joe Biden, der dann auch in zehn der 14 Bundesstaaten den Sieg davontrug. Michael Bloomberg und Elizabeth Warren haben ihre Kandidatur nach ihrem schwachen Abschneiden am Dienstag ebenfalls zurückgezogen. Bernie Sanders hat zwar in Kalifornien die Nase vorn, dennoch führt Biden nach derzeitigem Stand bei den Delegierten mit 566 zu 501. Damit hat die Bewerbung des zunächst überraschend schwach startenden, als moderat geltenden Biden, kräftig Fahrt aufgenommen. Möglicherweise muss Donald Trump auf seinen Lieblingsherausforderer, den vergleichsweise linken Sanders, doch noch verzichten. Bei den meisten US-Anlegern dürfte ein Scheitern von Sanders Bewerbung für Aufatmen sorgen.

US-Arbeitsmarktbericht und EZB-Sitzung im Blickfeld der Anleger

Heute Nachmittag steht der vielbeachtete US-Arbeitsmarktbericht zur Veröffentlichung an. Für Februar wird mit einem monatlichen Zuwachs von 175.000 Arbeitsplätzen (Reuters Survey) gerechnet. Solide Zahlen in dieser Größenordnung könnten helfen, die bei vielen Anlegern angespannten Nerven zu beruhigen. Große Aufmerksamkeit dürfte auch der am kommenden Donnerstag (12. März) stattfindenden Sitzung der Europäischen Zentralbank zuteilwerden. Notenbankchefin Lagarde sprach zwar davon, dass die EZB die wirtschaftlichen Auswirkungen der Virusepidemie genau beobachte und signalisierte auch eine prinzipielle Handlungsbereitschaft der EZB; wir erwarten allerdings keine weitere Senkung der Leitzinsen. Denkbar wäre dagegen die Ankündigung von Maßnahmen zur Liquiditätssicherung kleiner und mittelständischer Unternehmen unter Einschaltung der Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Finanzmärkte wieder in ruhigerem Fahrwasser?

Das stark belastende Thema der sich weltweit verbreitenden Virus-Epidemie dürfte uns auch in den kommenden Wochen weiter begleiten. Die ökonomischen Auswirkungen (schwächeres Wachstum der Wirtschaft, Gewinnwarnungen von Unternehmen) der Krise werden sich erst nach und nach zeigen, unseres Erachtens muss zumindest für das erste Halbjahr 2020 mit einer beständig negativen Berichterstattung gerechnet werden. Allerdings haben die Notenbanken und Regierungen auch deutlich gemacht, dass sie geld- und finanzpolitisch „Gewehr bei Fuß“ stehen.

Zudem war der jüngste massive Rückschlag an den Aktienmärkten von hektischen Handelsaktivitäten begleitet. Ein oft zu Absicherungsgeschäften benutzter, am S&P 500 orientierter Exchange Trade Fund verzeichnete am Freitag Rekordumsätze in der Größenordnung von über 100 Mrd. US-Dollar, der die implizite Volatilität von Indexoptionen messende VIX-Index überschritt zwischenzeitlich die Marke von 40. Unserer Einschätzung nach zeigt dies, dass viele überoptimistische und teilweise auch gehebelte Anleger über den Notausgang geflüchtet sein dürften. Damit, so hoffen wir, sollten sich die Finanzmärkte trotz weiterhin zu erwartender negativer Nachrichten wieder in einem etwas ruhigeren Fahrwasser bewegen können.

Quelle: AdvisorWorld.ch