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ODDO BHF AM: Zuletzt etwas nachlassende dynamik am aktienmarkt

ODDO BHF AM: Den internationalen Aktienmärkten fehlt in den letzten Tagen die Orientierung. Gemessen an den Schlusskursen der Vorwoche zeigen die Leitindizes überwiegend nur geringe Abweichungen.

Meinung am Freitag von Stephan Rieke, Leiter Investment Office Märkte


Die etwas besseren Zahlen (jeweils Reuters) des europäischen verarbeitenden Gewerbes (November: +0,2% ggü. Vm.) und die überraschend starken chinesischen Exporte (Dezember: +7,6% ggü. Vj.) hinterließen keine nachhaltigen Spuren.

Auch die in den letzten Wochen immer wieder kursstimulierend wirkende Hoffnung auf einen baldigen Abschluss eines Handelsvertrags zwischen China und den Vereinigten Staaten verlor mit dem Näherrücken des Unterzeichnungstermins an Zugkraft. Heute Morgen meldete China noch die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts für das 4. Quartal 2019 in Höhe von +6,0% (ggü. Vj.).

China und USA unterzeichnen „Phase Eins“-Handelsabkommen

Nach monatelangen Verhandlungen unterzeichneten China und die USA am Mittwoch den ersten Teil eines angestrebten umfassenden Handelsabkommens. China verpflichtete sich dabei u.a. innerhalb von zwei Jahren zusätzliche US-Güter und -Dienstleistungen im Gegenwert von 200 Mrd. US-Dollar zu kaufen, auf den bislang ausländische Investitionen oft begleitenden erzwungenen Technologietransfer zu verzichten, geistiges Eigentum wie Patente und Handelsmarken wirksamer zu schützen und den USFinanzunternehmen einen besseren Zugang zum chinesischen Markt zu verschaffen. Als Gegenleistung verzichten die Vereinigten Staaten auf die ursprünglich für den 15. Dezember 2019 angekündigten Strafzölle auf chinesische Güter (ca. 160 Mrd. US-$) und halbieren den am 01. September 2019 auf Importe in Höhe von 120 Mrd. US-$ erhobenen Satz auf 7,5%. Die schon vor September für chinesische Produktgruppen (ca. 250 Mrd. US-$) eingeführten Abgaben von 25% bleiben allerdings erhalten; deren Abschaffung/Senkung könnte Bestandteil eines angestrebten „Phase Zwei“-Abkommens sein, über das allerdings erst nach den US-Präsidentschaftswahlen (November 2020) verhandelt werden soll.

De facto sinkt damit der von den USA auf chinesische Güter erhobene durchschnittliche Zollsatz letztlich nur um 1,7 Prozentpunkte auf 19,3% (Berechnung Peterson Institute), aus unserer Sicht kein großartiger Durchbruch. Zudem bleibt anzumerken, dass die US-Regierung auch Konzessionen von der EU (u.a. französische Digitalsteuer, Airbus-Subventionen, Zugang zum Agrarmarkt) fordert; das Thema internationaler Handelsstreit bleibt damit weiter auf dem Tisch.

Derzeit haben 31 der S&P 500-Gesellschaften ihren Erfolgsausweis für das 4. Quartal 2019 vorgestellt und geben eine erste Indikation für die anlaufende Berichtssaison. Zwar liegen mehr als 80% der bisher berichteten Gewinne (Quelle: jew. IBES; Stand: 15.01.2020) über den Schätzungen der Unternehmensanalysten. Trotzdem wird für den S&P 500 aktuell ein leichter Gewinnrückgang von -0,5% (jew. ggü. Vj.) prognostiziert.

Vermutlich keine neuen Impulse von EZB und Bank of Japan

Für die nächste Woche anstehenden Sitzungen der Bank of Japan (21.01.) und der EZB (23.01.) rechnen wir mit keinen Überraschungen, aller Voraussicht nach werden beide Notenbanken ihren geldpolitischen Werkzeugkasten geschlossen halten. Die BoJ kann sich angesichts eines seit Ende August 2019 gegenüber dem US-Dollar kontinuierlich abschwächenden Yen und des von der Regierung angekündigten Konjunkturpakets in der Größenordnung von 13 Bio. Yen entspannt zurücklehnen.

Auch für die EZB sehen wir derzeit keinen Handlungsbedarf; der Preisauftrieb in der Eurozone hat sich im Dezember auf +1,3% (nach +1,0%, jew. ggü. Vj.) beschleunigt, gleichzeitig liegt die Arbeitslosenquote mit 7,5% (November) auf dem niedrigsten Wert seit Juli 2008. Möglicherweise könnten aus Frankfurt aber erste Signale zu der angekündigten Strategieüberprüfung kommen; zentrale Themen sind dabei die Überarbeitung des derzeitigen Inflationsziels („Inflation von unter, aber nahe 2%) und die stark umstrittene Berücksichtigung klimapolitischer Ziele.

Nächste Woche rücken die Einkaufsmanagerindizes in den Fokus der Anleger

Heute Nachmittag werden in den USA noch konstruktive, weitgehend unveränderte Daten (jew. Reuters Survey) für Neubaubeginne (Dezember e: 1,38 Mio.) und das Verbrauchervertrauen (Januar vorläufig e: 99,3) erwartet, allerdings auch schwächere Industrieproduktionszahlen (Dezember e: -0,2% nach +1,1%, jew. ggü. Vm.). Kommende Woche stehen am Dienstag das vom ZEW erhobene Konjunkturbarometer und am Freitag die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für Januar auf dem Programm. Letztere dürften von den Anlegern sorgfältig auf erhoffte weitere Signale für eine sich anbahnende Konjunkturerholung abgeklopft werden.

Die stärkste positive Entwicklung wird für Versorger (+13,7%) und den Finanzsektor (+13,0%) erwartet, kräftige Rückgänge für die Branchen Grundstoffe (12,1%) und Energie (-40,4%). Wir rechnen nicht damit, dass die Q4-Berichtssaison nachhaltige Spuren beim US-Leitindex hinterlassen wird, die Mehrzahl der Investoren dürfte den Blick bereits auf das laufende Jahr gerichtet haben. Für 2020 wird derzeit ein Gewinnzuwachs von +9,6% erwartet.

Aktienmarkt vor Atempause?

Mit einem seit Anfang Oktober 2019 erzielten Kurszuwachs von deutlich über 10% zeigt der S&P 500 eine herausragende Performance. Die treibenden Kräfte waren dabei die expansive Geldpolitik, sich teilweise wieder erholende Konjunkturindikatoren und die Eindämmung politischer Risiken (sino-amerikanischer Handelskonflikt, Brexit).

Unserer Einschätzung nach ist das daraus resultierende Kurspotenzial noch nicht ausgeschöpft, die mittelfristigen Börsenampeln stehen damit weiter auf Grün. Allerdings mehren sich am aktuellen Rand die Anzeichen für eine technische Überhitzung des Marktes, die idealerweise durch eine mehrwöchige Atempause abgearbeitet werden könnte.

Quelle: AdvisorWorld.ch