Eling Prof. Dr. Martin und Jaenicke Christoph PensExpert

PensExpert : Digitaler Wandel verändert die Vorsorge

PensExpert : Digitaler Wandel verändert die Vorsorge: Schweizer Bevölkerung unterstützt Reformvorschläge.

Prof. Dr. Martin Eling ( left) und Christoph Jaenicke


Das Schweizer Vorsorgesystem muss dringend überholt werden, um den modernen Arbeits- und Lebensmodellen langfristig zu genügen. Doch die Stimmbürger haben in den letzten Jahren sämtliche Reformvorlagen abgeschmettert. Jetzt zeigt eine neue Studie der Universität St. Gallen, welche Reformvorschläge die höchste Ak-zeptanz unter der Schweizer Bevölkerung aufweisen und wie unser Vorsorgesystem den sich verändernden Erwerbsmodellen in der der Arbeitswelt Rechnung tragen sollte.

Eine neue Studie des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität St.Gallen (I.VW-HSG) zeigt eine erstaunlich hohe Akzeptanz der Schweizer Bevölkerung gegenüber Vorsorgereformen auf. Basis der Studie, die das Vorsorgeunter-nehmen PensExpert aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben hat, ist eine repräsentative Umfrage sowohl unter der breiteren Bevölkerung wie auch Experten in der Schweiz. Vorgelegt wurden insgesamt sieben Reformvorschläge. Diese wurden auf-grund einer Analyse abgeleitet, welche den Einfluss wichtiger Megatrends wie etwa der Digitalisierung der Arbeitswelt auf die Vorsorgesysteme untersucht.

Alle Arbeitsmodelle einbeziehen

So befürworten sowohl die Bevölkerung (76,5%) wie auch die Experten (73,3%), die ge-samte Schweiz in die Vorsorge einzubinden, insbesondere die heute vorsorgetechnisch benachteiligen Selbstständigen und Geringverdiener. Anvisiert wird auch die Integration atypischer Beschäftigungsformen wie Crowdworking, Jobsharing, bis hin zur Arbeit auf Abruf. Zurzeit werden zwar alle Personen in die AHV einbezogen. Die berufliche Vorsorge beschränkt sich jedoch auf Arbeitnehmer. Selbständige müssen sich freiwillig versichern. Weiter sind Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze nicht oder nur ungenügend berücksichtigt.

Zentrales digitales Vorsorgeportal

Höchste Akzeptanz bei beiden Gruppen erzielt der Vorschlag, ein digitales Vorsorgeportal einzuführen, das alle vorsorgerelevanten Daten zusammenführt und jedem Einzelnen ei-nen transparenten Überblick über die Gesamtleistungen aus allen Vorsorge-Säulen er-möglicht. Die Zustimmungsquoten in der breiten Bevölkerung beträgt 81,1% und bei den Experten 76,5%. Entsprechende digitale Portale existieren bereits in Schweden und Österreich. In der Schweiz sind jedoch noch keine derartigen Initiativen zu beobachten.

Aktive Steuerung der Vorsorgeentscheidungen

Die Ergänzung des Portals mit einem persönlichen Vorsorgekonto, das es erlaubt, aktiv in Vorsorgeentscheidungen einzugreifen, findet ebenfalls eine hohe Zustimmung. Eine sol-che Funktion schafft die Möglichkeit, Versicherungsleistungen, die Wahl der Kapitalanla-gepolitik in den diversen Säulen, Einkäufe in die Pensionskasse und weitere Eingriffe zu optimieren und auf die individuellen Bedürfnisse abzustimmen. Die befragten Vertreter der Bevölkerung begrüssen diesen Vorschlag mit 69,0% zu und die Experten sogar mit 75,0%.

Wertkonten zur flexibleren Arbeitszeitgestaltung

Bevölkerung (68,8%) sowie Experten (75,0%) stimmen auch der Einführung von soge-nannten Wertkonten zu, wie sie sich bereits in Deutschland bewähren. Diese werden in Ergänzung zum Vorsorgesystem geführt und erlauben es, gewisse Lohnbestandteile wie Überstunden in Wertguthaben zu wandeln und anzusparen. Diese können dann im Be-darfsfall flexibel für Sabbaticals, Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen einge-setzt werden. Damit kann auch eine Flexibilisierung der Arbeitszeit sowie des Rentenal-ters unterstützt werden.

Einbezug aller Einkunftsarten, freie Wahl der Pensionskasse

Anklang in der Bevölkerung (58,0%), weniger jedoch bei den Experten (25,0%), findet die Idee, Vorsorgebeiträge nicht nur auf den Löhnen, sondern auch auf weiteren Einnahme-quellen abzuführen. Dies beträfe zum Beispiel Einkommen aus Kapitalerträgen wie Zin-sen auf Vermögen. Ferner stimmt die Mehrheit der befragten Bevölkerung (54,4%) der freien Wahl der Pensionskasse zu, welche nicht mehr an den Arbeitgeber gebunden sein soll. Damit wird der Tatsache Rechnung getragen, dass die Arbeitnehmer immer öfter den Arbeitgeber wechseln, was aufwändige Pensionskassentransfers nötig macht. Während die AHV bereits arbeitgeberunabhängige Versichertenkonti führt, ist dies in der zweiten Säule noch nicht der Fall. Die befragten Experten zeigen sich diesbezüglich skeptisch (29,4% Zustimmung).

Individualisiertes Sparkonto

Die Idee, das Vorsorgesystem auf individuelle Sparkonti umzustellen, die jedem einzelnen Versicherten zur Ansammlung von Vorsorgekapital dient und aus dem bestimmte Versi-cherungsbeiträge gespeist werden, findet ebenfalls bei der Mehrheit der Bevölkerung Zu-stimmung (60,5%), nicht aber bei den Experten (47,1%). Ein solches Modell mit dem Sin-gapur 1984 sein Gesundheits- und Vorsorgesystem reformiert hatte, würde unser System am radikalsten umstellen und ist dementsprechend umstritten.

Fazit

«Generell zeigt sich die Bevölkerung sehr offen für alle Reformvorschläge, während das Feedback der Experten deutlich zurückhaltender ausfällt», fassen die beiden Autoren Prof. Dr. Martin Eling und Christoph Jaenicke vom I.VW-HSG die Studie zusammen. Demnach stösst bei den Experten eine Ergänzung des bestehenden Systems auf eine

positivere Resonanz als radikalere Anpassungen wie die freie Pensionskassenwahl oder die Umstellung auf individuelle Sparkonten. Unbestritten ist, dass unser Vorsorgesystem der sich durch die Digitalisierung verändernden Arbeitswelt Rechnung tragen muss.

Prof. Dr. Martin Eling betont: «Wir müssen unbedingt verhindern, dass der Kompromiss der So-zialpartnerschaft als Folge der Digitalisierung schleichend ausgehöhlt wird».

Quelle: AdvisorWorld