Raiffeisen: Focus 4. Quartal 2016

An politischen Überraschungen war 2016 wahrlich nicht arm: Mitte Jahr sprach sich die Mehrheit der Briten für ein Ausscheiden ihres Landes aus der Europäischen Union aus…….  

 

Von Christophe Bernard Vontobel-Chefstratege und  Andreas Bentzen Portfoliomanager Global Invest, Vontobel


Im November folgte der unerwartete Sieg Donald Trumps in der US-Präsidentschaftswahl. Schliesslich erklärte der italienische Premierminister Matteo Renzi im Dezember seinen Rücktritt, nachdem die Stimmbürger seine Verfassungsreformen deutlich abgelehnt hatten. Mit unseren Vorhersagen lagen wir wie die meisten anderen Marktbeobachter grösstenteils falsch. Allerdings hätte selbst eine „perfekte“ Prognose wenig geholfen, die nachfolgenden Marktbewegungen korrekt einzuschätzen. Dies lehrt Bescheidenheit. Für das nächste Jahr würde man sich insbesondere hinsichtlich der Wahlen in Deutschland und Frankreich mehr Vorhersehbarkeit wünschen.

Doch wenden wir uns dem Wirtschafts- und Finanzmarktausblick zu. Vieles wird von der Entwicklung in den USA abhängen. Wir haben daher zwei Ausgangsszenarien entworfen: Das (aus unserer Sicht wahrscheinlichere) Reflationsszenario berücksichtigt die positiven Aspekte des wirtschaftlichen Programms von Donald Trump wie niedrigere Steuern und hohe Investitionen in die Infrastruktur. Dabei kommen die negativen Aspekte wie Importzölle und eine restriktivere Zuwanderungspolitik nur in symbolischen Massnahmen zum Ausdruck. In diesem Szenario würde sich das Wachstum beschleunigen und die Inflation anziehen. Das (weniger wahrscheinliche) Stagflationsszenario, das Zölle und sonstige Handelsbarrieren sowie migrationsfeindliche Massnahmen berücksichtigt, würde das Wachstum bremsen und die Inflation anheizen.

Wir erwarten bei beiden Szenarien, dass die anziehende Inflation und die restriktivere Geldpolitik Aufwärtsdruck auf die Renditen von Staatsanleihen ausüben werden und den US-Dollar stützen. In der Folge dürften Schwellenländer-Anlageklassen unter Druck geraten. Alles in allem kommt das Reflationsszenario Aktien zugute, zumindest jenen Sektoren, die von steigenden Zinsen und einer Wachstumsbeschleunigung profitieren. Das Stagflationsszenario wirkt sich hingegen nachteilig auf die Anleihen- und Aktienmärkte aus.

Donald Trump beflügelt risikoreichere Anlagen

Im vierten Quartal präsentierten sich die Finanzmärkte nach der US-Präsidentenwahl beziehungsweise nach dem italienischen Referendum äusserst nervös. Zuerst korrigierten risikoreichere Anlagen wie Aktien stark. Kurz darauf gewannen aber positive Aspekte die Oberhand und die Kurse erholten sich. Von einer Regierung Trump versprechen sich die Marktteilnehmer Impulse für die amerikanische Wirtschaft (Steuersenkungen und erhöhte Investitionen in die Infrastruktur). Positive Konjunkturdaten aus den USA, Europa und China sowie solide Quartalszahlen der Unternehmen beflügelten die Aktien weiter. Auffällig waren dabei die Avancen in den Sektoren Industrie, zyklische Konsumgüter und Finanzen. Die Aussicht auf eine anziehende Inflation und ein verbessertes Wirtschaftswachstum trieb die Zinsen in den USA und in Europa in den vergangenen Wochen in die Höhe. Aufgrund der Ausrichtung des Mandates mit einer Untergewichtung von Anleihen und einem Übergewicht an Finanzwerten lag die Portfoliorendite im vierten Quartal vor dem Referenzindex.

Finanztitel erholen sich, Pharma weiterhin glanzlos

Der Risikoappetit der Investoren nahm im vierten Quartal zu, was sich in einem Aufwärtstrend bei zyklischen Industrie- und Konsumgüterunternehmen sowie Banken und Versicherungen äusserte. Von den anziehenden Zinsen konnten insbesondere Finanztitel profitieren. Unsere Übergewichtung in diesem Sektor zahlte sich somit aus. Pharmatiteln gegenüber blieben die Anleger zurückhaltend. Wir halten jedoch an unserer Übergewichtung in diesem Sektor fest. Schliesslich weisen Unternehmen wie Shire und Celgene, die im Fonds enthalten sind, seit einiger Zeit ansprechende Quartalszahlen aus. Wir erwarten, dass sich der Markt nach der Aufregung um die US-Präsidentschaftswahl wieder auf die soliden Fundamentaldaten fokussieren wird. „Unsere“ Gesundheitstitel würden davon profitieren. Im Bereich Schweizer Aktien hatte die erfreuliche Entwicklung der Grossbank UBS sowie der Versicherer Swiss Life und Swiss Re einen positiven Effekt auf die Portfoliorendite. Belastend wirkte sich hingegen wiederum die Kursentwicklung von Novartis und Roche aus. Bei den ausländischen Aktien schnitten die Banken und Versicherungswerte (Axa, Bank of America, Citigroup) aufgrund von soliden Unternehmensergebnissen und steigenden Zinsen besser ab als der Gesamtmarkt. Negativ zu Buche schlug die Entwicklung in den Sektoren Konsumgüter (CVS Health) und Pharma (Biogen, Shire).

Insgesamt haben wir gegenwärtig ein leichtes Übergewicht bei Aktien und sind dieser Anlageklasse gegenüber positiv eingestellt. Die Konjunkturerholung weltweit, die weiterhin defensive Positionierung der Investoren und die soliden Unternehmensergebnisse bilden eine gute Basis für weitere Kurssteigerungen in 2017. Demgegenüber herrscht momentan weltweit grosse politische Unsicherheit – die Stichworte hier sind Donald Trump und anstehende Wahlen in Europa –, die auf der Investorenstimmung lasten könnte. Abzuwarten bleibt auch, welche weiteren Schritte die US-Notenbank nach der Anhebung der Leitzinsen folgen lassen wird. Da viele dieser Risiken gegenwärtig nicht in den Marktpreisen enthalten sind, hat die Wahrscheinlichkeit einer Korrektur aus unserer Sicht zugenommen.

Anleihen nach wie vor ohne Potenzial

Obligationen bleiben generell kaum attraktiv, insbesondere wegen ihrem unattraktiven Risiko-RenditeVerhältnis. In diesem Umfeld halten wir an unserer Untergewichtung bei den Schweizer-Franken-Anleihen im Vergleich zum Referenzindex fest – eine Positionierung, die sich im vierten Quartal angesichts der leicht anziehenden Zinsen ausgezahlt hat. Es sieht so aus, dass die seit 35 Jahren andauernde Hausse bei den Anleihen zu einem Ende kommt. Unserer Erwartung zufolge werden die Zinsen weiter steigen, weshalb wir bei einer Untergewichtung dieser Anlageklasse bleiben.

Steigende Inflationserwartungen und Zinsen treiben den Dollar

Bessere US-Wirtschaftsdaten sowie die Erwartung einer anziehenden Inflation sorgten dafür, dass der USDollar gegenüber den meisten Hauptwährungen zulegte. Das künftige US-Konjunkturprogramm beflügelte die Phantasie der Anleger und auch die US-Währung. Dank unserer Übergewichtung des „Greenback“ konnten wir von dieser Entwicklung profitieren. Eine solche Positionierung empfiehlt sich aus unserer Warte weiterhin mit Blick auf die absehbaren Zinserhöhungen in den Vereinigten Staaten.

Quelle:  AdvisorWorld.ch