Robeco: Die Aktienmärkte sind zu gelassen in Bezug auf die Brexit-Nachwehen

Die Aktienmärkte sind zu gelassen, was die möglichen Folgen von Großbritanniens historischem Referendum über den EU-Austritt angeht, meint Lukas Daalder von Robeco……

 

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Asset Allocation


In aller Kürze:

Der FTSE 100 hat sich erholt und liegt wieder über seinem Schlussstand von vor dem Brexit-Votum.

Wir sind aber nicht zur Normalität zurückgekehrt, da die Risiken bisher nicht ausreichend eingepreist wurden.

Letztlich könnte ein Szenario entstehen, bei dem man so oder so verliert.

Daalder glaubt, dass in Bezug auf die weitere Entwicklung nach dem tatsächlichen Vollzug des Brexit ein Szenario, bei dem man so oder so verliert, noch nicht vollständig in die Aktienkurse eingepreist ist. Nach dem für viele schockierenden Ausgang des Brexit-Referendums am 23. Juni gingen die Aktienmärkte zunächst auf Talfahrt, erholten sich dann aber wieder, weil keine unmittelbare Bedrohung für britische Unternehmen besteht, die teilweise sogar von dem schwächeren Pfund profitieren könnten.

Dass die britische Regierung bisher den EU-Austritt noch nicht beantragt hat und sich an die Antragsstellung mindestens zweijährige Verhandlungen anschließen werden, wiegt die Märkte nach Ansicht von Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions, in falscher Sicherheit.

„Die Finanzmärkte hatten mit einem Verbleib Großbritanniens in der EU gerechnet, und der anfängliche Schock war deshalb recht heftig: Der MSCI World Index verlor an zwei Tagen 7 %, europäische Aktien mehr als 11 %. Und europäische Banktitel büßten 18 % ihres Werts ein”, stellt Daalder fest. „So drastisch wie der Kurssturz war aber auch die anschließende Erholung: Die britische Notenbank ließ wissen, dass in diesem Sommer mit weiteren geldpolitischen Stimulierungsmaßnahmen zu rechnen ist, und die Märkte halten eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed bis auf Weiteres für völlig unwahrscheinlich.”

„Hinzu kam die allmähliche Erkenntnis, dass das Brexit-Votum nicht zu plötzlichen Marktbewegungen oder gar zu einem Kollaps führen und mindestens zwei Monate vergehen würden, bis eine vernünftige Aussage dazu möglich ist, wie es weitergeht. Die Aktienkurse erholten sich, wobei vor allem der FTSE – unterstützt durch die Abwertung des Pfunds – völlig wider Erwarten seinen Schlussstand vom Tag vor dem Referendum übertraf.”

Wie geht es jetzt weiter?

Wie geht es jetzt weiter? fragt Daalder. „Wir sind zwar froh, dass die Ereignisse nicht zu einem Crash geführt haben, glauben aber auch, dass die Märkte die Gesamtsituation derzeit zu gelassen beurteilen.”

„Der Ausblick für die nächsten beiden Monate, die relativ ereignislos verlaufen dürften, ist recht stabil. Das heißt aber nicht, dass wir schon zu ‚business as usual’ zurückgekehrt wären. Angesichts der von Großbritanniens Wirtschaft ausgehenden Signale halten wir ein Szenario, bei dem man so oder so verliert, für sehr viel wahrscheinlicher.”

„Eine Möglichkeit ist, dass die britische Wirtschaft weitgehend ungeschoren davonkommt und sich die Auswirkungen auf die Gewinne britischer und kontinentaleuropäischer Unternehmen in engen Grenzen halten. Dies wäre ein deutliches Signal, dass die Folgen eines EU-Austritts nicht so gravierend sind wie vielfach behauptet, und würde die Tür dafür öffnen, dass weitere Mitgliedstaaten ein Referendum abhalten, bei dem die Befürworter eines EU-Austritts gewinnen. Dies ist das Szenario, in dem der europäische Markt allmählich zerfällt, was letztlich auch das Ende der Eurozone bedeuten würde.”

 

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Reaktion der Aktienmärkte während und nach dem Referendum. Quelle: Bloomberg, Robeco.

„Das Alternativszenario einer einschneidenden Konjunkturverlangsamung – ausgelöst durch eine Rezession in Großbritannien – ist allerdings auch nicht positiv. Es wäre zwar ein abschreckendes Beispiel für andere Austrittswillige. Der Rückgang der Nachfrage aus Großbritannien hätte aber mit Sicherheit auch in der Eurozone geringeres Wachstum zur Folge. Die Wahrscheinlichkeit einer chaotischen Trennung Großbritanniens von der EU würde in diesem Szenario zweifellos zunehmen, was für die Stimmung und Stabilität an den europäischen Märkten insgesamt nicht gut wäre.”

„Und auch wenn wir verstehen, dass sich die Ereignisse diesseits des Atlantiks nicht direkt auf US-Aktien auswirken, gehen wir doch davon aus, dass ein schwächeres Europa weltweit Auswirkungen auf die politische Lage haben wird. Da US-Aktien immer noch teuer und die Unternehmensgewinne weiterhin niedrig sind, ist nicht nachvollziehbar, warum man diese Zunahme der politischen Risiken gänzlich außer Acht lassen sollte.”

Risiko aus dem Spiel nehmen

Unterdessen ist Robeco Investment Solutions dabei, den Risikogehalt seines Multi-Asset-Portfolios durch Aufhebung der bisherigen Übergewichtung von Aktien zu reduzieren, bis klarer wird, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Das Team hat zudem Leerpositionen im Pfund Sterling aufgebaut, wobei Derivate zur Absicherung gegen eine weitere Abwertung des Pfunds eingesetzt werden. Dieses ist gegenüber dem US-Dollar und dem Euro bereits auf seinen niedrigsten Wert seit 31 Jahren gefallen.

„Wir haben im Pfund eine Leerposition gegenüber dem US-Dollar aufgebaut”

„Zuletzt haben wir europäische Aktien verkauft, und wir sind jetzt dabei, unser Aktienengagement insgesamt zu reduzieren”, sagt Daalder. „Ferner haben wir eine Leerposition im Pfund gegenüber dem Dollar aufgebaut, weil die britische Währung unserer Meinung nach die logische Stellgröße ist, über die Großbritannien den wirtschaftlichen Schaden mildern kann. Großbritanniens Leistungsbilanzdefizit beläuft sich aktuell auf knapp 6 % vom BIP, und die EU ist der größte Handelspartner des Landes.”

„Schließlich haben wir auch eine Leerposition im Euro gegenüber dem Dollar aufgebaut. Denn wegen der im Vergleich zur Eurozone besseren Fundamentaldaten erwarten wir, dass die US-Währung stärker wird.”

Quelle: AdvisorWorld.ch