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St.Galler Kantonalbank: Europa: Anfang gut, Ende weniger gut

St.Galler Kantonalbank : Europa hat zu Beginn der Corona-Pandemie vieles richtig gemacht.

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SGKB Investment Views von Thomas Stucki, CIO St.Galler Kantonalbank


Die Regierungen haben in der Krise die Führung übernommen und mit einschneidenden und auch unpopulären Massnahnehmen die erste Welle der Ansteckungen in den Griff bekommen. Sie haben mit staatlichen Überbrückungsprogrammen die wirtschaftlichen Folgen des Lockdowns abgefedert.

Vor allem haben sie ein in den letzten Jahren unübliches Mass an Einigkeit und Solidarität an den Tag gelegt. Im Juli beschloss die EU ein mit 750 Mrd. Euro dotiertes Rettungs- und Aufbaupaket, welches in seinem Ausmass beeindruckte. Das Geld sollte zur Hälfte den am stärksten betroffenen EU-Ländern zur freien Verfügung übergeben werden. Mit der anderen Hälfte werden Kredite für zukunftsgerichtete Projekte in Bereichen wie Digitalisierung, Klimaschutz oder Ausbildung gesprochen. Finanziert wird das Paket teilweise über die Ausgabe von Obligationen mit gemeinsamer Haftung der EU-Länder. Die lange verschmähten Euro-Bonds waren geboren.

Mittlerweile ist der Sommer vorbei und der Winter steht vor der Tür. Die zweite Corona-Welle hat Europa fest im Griff. Vorbei ist es auch mit der Einigkeit und der Solidarität. Die verschiedenen Länder beschliessen fast täglich irgendwo neue Lockdowns. Die Übersicht zu behalten, was jetzt wo und wie gilt, ist zu einer schwierigen Aufgabe geworden. Eigene Fehler werden mit Vorwürfen an die Nachbarn kaschiert. Mehr oder weniger willkürlich werden Quarantänelisten geführt und verändert.

EU-Hilfspaket in der Warteschlaufe

Ruhig geworden ist es dagegen um das Hilfspaket der EU. Noch kein Euro wurde zur Stärkung der Wirtschaft gesprochen oder gar eingesetzt. Kein Euro wurde bisher für das Programm am Kapitalmarkt aufgenommen. Das Rettungspaket steckt im Ratifizierungsprozess der einzelnen EU-Länder fest. Insbesondere die Niederlande und die Skandinavier sehen keinen Grund, sich diesbezüglich zu beeilen und fordern neue Abklärungen darüber, ob das Paket rechtlich korrekt ist. Bevor nicht alle Staaten das Paket ratifiziert haben, passiert in Europa nichts. Wenig ist auch bekannt, wofür die Gelder eingesetzt werden sollen, geschweige denn, dass wirkungsvolle Projekte vor der Lancierung stehen. Sollte sich bewahrheiten, dass Italien mit einem Teil seiner Gelder die marode Alitalia verstaatlichen möchte, wäre das sicher nicht im Sinne einer wirksamen Stärkung der Produktivität der italienischen Wirtschaft.

Euro-Euphorie am Bröckeln

Die Änderung der europäischen Gemütslage hat auch Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Im Sommer setzte der Euro zu einem kleinen Höhenflug an, insbesondere gegenüber dem Dollar, abgeschwächt auch gegenüber dem Franken. Die Euphorie der spekulativen Devisenakteure für den Euro ist aber am Bröckeln. Wenn sich, was leider zu befürchten ist, die europäische Wirtschaft nach der Corona-Pandemie weniger gut erholt als die USA, wird der Euro wieder unter Druck geraten. Die EZB wird noch mehr Anleihen kriselnder Euro-Staaten kaufen müssen, um keine neue Eurokrise aufkommen zu lassen. Die fehlenden Innovationen und Investitionen in Europa werden auch den Firmen in Europa zusetzen. Diese werden im Vergleich zu ihren amerikanischen oder chinesischen Konkurrenten an Boden verlieren, was sich in einem geringeren Potential ihrer Aktien äussern wird. Dies hat auch Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft, ist doch der Euroraum das wichtigste Zielgebiet der Schweizer Exporte. Nicht zuletzt wird auch die SNB gefordert sein, mit regelmässigen Interventionen den Franken nicht zu teuer werden zu lassen.

Quelle:  AdvisorWorld.ch