TRowePrice: Die Wahl Macrons zum französischen Präsidenten wird die Europäische Union stärken

 Emmanuel Macron hat Marine Le Pen in der Stichwahl geschlagen und wurde zum 25.Präsidenten Frankreichs gewählt …

von Kenneth Orchard, Portfoliomanager, Global Fixed Income und Dean Tenerelli, Portfoliomanager, European Equity Strategy.


Die Märkte werden nach der Niederlage der rechtsextremen Le Pen aufatmen: Die Anleihespreads dürften sich einengen, während die Kurse von Aktien und Währungen steigen. Als Anführer der noch jungen En Marche!-Bewegung wird es Macron wohl kaum gelingen, bei der Wahl zur französischen Nationalversammlung im Juni eine Mehrheit zu erzielen. Dank seiner zentristischen Politik kann er aber sowohl von Mitte-Links als auch von Mitte-Rechts mit Unterstützung im Parlament rechnen. Seine proeuropäische Haltung dürfte die EU stärken. Das könnte die Austrittsverhandlungen für Grossbritannien zusätzlich erschweren. Im Gegensatz dazu könnte er sich für Mitgliedsländer in Schwierigkeiten wie Italien und Griechenland einsetzen.

Erleichterungsrallye sorgt den Sommer über für Stabilität

Die Märkte werden rund um den Globus positiv auf das Wahlergebnis reagieren – schon allein aus Erleichterung, dass Le Pen nicht gewonnen hat. Während der Wahlsieg Macrons nach seinem Erfolg in der ersten Runde bereits zu einem gewissen Grad eingepreist worden war, konnte die Besorgnis, dass Le Pen zur Präsidentin gewählt wird, nicht ganz ausgeräumt werden. Das begrenzte die Kursanstiege. Mit dem Sieg von Macron ist nun eine Rallye zu erwarten. „Es steht ausser Frage, dass der Sieg von Macron besser für die Märkte ist, als es bei der Wahl von Le Pen der Fall gewesen wäre. Durch das Wahlergebnis sinkt das geopolitische Risiko in der Region und es dürften wirtschaftliche Chancen entstehen“, erklärt Dean Tenerelli, Portfoliomanager der European Equity Strategy. „Auch dem Euro dürfte dieses Ergebnis zugutekommen. Die grösste Belastung für die Währung in diesem Jahr war das Risiko, dass ein rechtspopulistischer, EU-feindlicher Kandidat die Präsidentschaftswahlen gewinnt. Mit dem Wegfall dieses Risikos werden sich die Märkte stärker auf die Fundamentaldaten konzentrieren.“

Da die Besorgnis der Anleger um französische Staatsanleihen nachgelassen hat, ist zudem eine Verengung der Anleihespreads zu erwarten. „Zehnjährige französische Anleihen notierten jüngst bis zu 50 Basispunkte höher als zehnjährige deutsche Anleihen, doch wir erwarten eine leichte Verringerung der Spreads hin zu den durchschnittlichen Niveaus des vergangenen Jahres“, so Ken Orchard, Portfoliomanager des Global Fixed Income Teams. „Nun, da Frankreich kein politisches Risiko mehr darstellt, werden sich die Märkte anderen Themen zuwenden.“

Politisches Neuland für Frankreich

Noch nie zuvor hat ein unabhängiger Kandidat in Frankreich die Präsidentschaftswahl gewonnen. Somit führt Macron sein Land in unbekanntes politisches Terrain. Zunächst steht er vor der Aufgabe, bei den Wahlen der Legislative am 11. und 18. Juni so viele Sitze wie möglich für seine En Marche!-Bewegung zu gewinnen. Angesichts der Spaltung des linken Lagers in Frankreich ist es jedoch unwahrscheinlich, dass En Marche! eine Mehrheit im Senat gewinnen wird (siehe letzter Absatz). Das heisst, dass Macron wohl auf die Unterstützung anderer Parteien angewiesen sein wird, um die Zustimmung für eine Regierung zu erlangen. Da er allerdings weitgehend am Status quo festhalten will und seine Politik gemässigt ist, dürfte dies unserer Einschätzung nach kein allzu grosses Problem darstellen.

Das wahrscheinlichste Szenario ist unserer Meinung nach, dass die französischen Republikaner, die wohl die grösste Fraktion im Parlament stellen werden, die neu gewählte Regierung in der Nationalversammlung unterstützen werden. In diesem Fall rechnen wir mit einer zwar klaren, jedoch nicht umwälzenden Verlagerung von der Mitte-Links-Politik von Präsident Hollande hin zu einer Mitte-Rechts-orientierten Agenda. Diese wird wahrscheinlich eine Senkung der Körperschaftsteuer und eine gewisse Lockerung der Arbeitsgesetze umfassen, die es den Unternehmen ermöglicht, die 35-Stunden-Woche neu zu verhandeln.

Stärkung der EU: Nachteil für Grossbritannien, Vorteil für Italien

Als engagierter Befürworter der EU wird eine gute Zusammenarbeit Macrons mit Merkel erwartet (ebenso wie mit SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, sollte dieser die Bundestagswahlen im Herbst gewinnen). Das wird das für die EU so wichtige deutsch-französische Bündnis stärken. In Bezug auf den Brexit gilt es nach Macron, die „Integrität des Binnenmarktes zu verteidigen“, also das Kernprinzip der Freizügigkeit von Personen und Gütern. Er zeigte sich besorgt, dass andere Länder nachziehen könnten, wenn der Eindruck entstünde, dass Grossbritannien sich durch den Austritt Vorteile verschafft, denn das wäre das „Ende des europäischen Projekts“. Das bedeutet: Mit Macron stösst Grossbritannien bei den Brexit-Gesprächen auf einen schwierigeren Verhandlungspartner, als bisher angenommen.

Für die wirtschaftlich angeschlagenen EU-Länder wie Italien und Griechenland zeigte er hingegen offene Sympathie. Das dürfte in diesen Ländern die Hoffnung nähren, dass er dazu beitragen wird, die Sparpolitik, die man dort als von Deutschland auferlegt betrachtet, zu lockern. Durch weniger strenge Sparmassnahmen der EU könnte sich sogar die Unterstützung für einige der populistischen Parteien abschwächen, die angesichts dieser als ungerecht empfundenen Sparpläne an Zuspruch gewonnen haben. „Derzeit ist die antieuropäische Fünf-Sterne-Bewegung auf dem Weg, bei den nächsten Wahlen in Italien, die Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres abgehalten werden, die meisten Stimmen zu bekommen“, so Orchard. Er fügt hinzu: „Der Wahlsieg Macrons könnte den proeuropäischen Parteien in Italien die so dringend benötigte Unterstützung bieten – der Einfluss auf das Verhalten der Wähler ist allerdings schwer einzuschätzen.“

„Das Verhältnis von Macron zu Deutschland gilt als sehr gut, doch sein wirtschaftlicher Kurs war bisher neutral“, erläutert Tenerelli. „Er hat sich als Anti-Establishment-Politiker der Mitte positioniert. Allerdings zeigt er sich bisher wenig reformfreudig. Mit Unterstützung Deutschlands wird es ihm hoffentlich gelingen, einige Dinge anzugehen. Inwieweit Veränderungen durchgesetzt werden, ist jedoch ungewiss.“

Banken- und Telekomsektor erwarten „Macron-Boost“

Der Wahlsieg Macrons könnte für den französischen Bankensektor von entscheidender Bedeutung sein. Dafür spricht die starke Rallye von Bankaktien im Anschluss an die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. Tenerelli führt aus: „Macron befürwortet eine allmähliche Deregulierung. Das begrüsst der französische Bankensektor eindeutig. Durch seinen Sieg dürften sich auch die Spreads der französischen Staatsanleihen verengen. Das bedeutet niedrigere Eigenkapital- und Finanzierungskosten für den Sektor und ist besonders wichtig, da die französischen Banken generell mehr Marktfinanzierung in Anspruch nehmen als andere europäische Geldinstitute.“

Auch der Telekommunikationssektor dürfte von Macrons Sieg profitieren. Bereits seit einiger Zeit gibt es in Frankreich Unterstützung für eine stärkere Konsolidierung des Sektors. Bisherige Bemühungen scheiterten aber auf politischer Ebene. Angesichts seiner wirtschaftsfreundlichen Haltung ist es wahrscheinlich, dass Macron der Branchenkonsolidierung offener gegenübersteht. Das dürfte den grösseren etablierten Unternehmen des Sektors zugutekommen.

Wie geht es in Europa weiter?

Wenn die Erleichterung über den Wahlsieg Macrons nachlässt, werden sich die Anleger rasch den anderen Risiken in Europa zuwenden. Neben den anstehenden Wahlen in Italien geht auch von Spanien ein Risiko aus: Hier könnte es zu Unruhen kommen, wenn Katalonien sein Unabhängigkeitsreferendum durchsetzt. Es ist unklar, wie sich die Situation entwickeln wird. Die spanische Regierung will das Referendum vermeiden. Wird es abgehalten und stimmt die Mehrheit für die Unabhängigkeit, könnte es zu Nervosität an den Märkten und einer Ausweitung der Spreads kommen. „Derzeit schätzen wir die europäischen Peripherieländer neutral ein, rechnen aber damit, künftig eine untergewichtete Position einzunehmen“, so Orchard. „Momentan halten wir eine leichte Long-Position in Italien, Portugal und Zypern, während wir in Spanien deutlich untergewichtet sind.“

Von besonderer Bedeutung ist das weitere Vorgehen der EZB, das gegen Ende des Jahres wieder in den Mittelpunkt rücken wird. Orchard meint dazu: „Die meisten Sell-Side-Analysten erwarten eine Reduzierung der Anleihekäufe von €60 Mrd. pro Monat auf €0 bis Mitte nächsten Jahres. Wir glauben jedoch, dass die Reduzierung der EZB-Anleihekäufe sehr viel allmählicher erfolgen wird, sodass die quantitative Lockerung noch bis ins Jahr 2019 anhalten könnte. Dann könnten die Spreads europäischer Peripherieländer auf längere Zeit niedrig bleiben. Das würde die Möglichkeit bieten, wieder eine Long-Position in der Peripherie einzugehen, sofern die politischen Risiken nicht eintreten.“

Tenerelli ergänzt: „Bei europäischen Aktien sind wir in Frankreich gegenüber der Benchmark leicht übergewichtet. Dabei ist unser Engagement breit gestreut: Es umfasst sowohl inländische Titel mit starker Marktstellung in Bereichen wie Telekommunikation und Banken als auch internationale Unternehmen in Sektoren wie Ingenieurwesen und zyklische Konsumgüter. Zwar legen wir hier keinen ausdrücklichen Schwerpunkt, finden aber derzeit mehr Chancen in defensiv ausgerichteten Unternehmen wie Telekommunikation. Als weniger attraktiv beurteilen wir Bereiche, die von einem starken Wachstum abhängen, wie Grundstoffe und Energie. Hier halten wir die Bewertungen für etwas überzogen.“ 

Die Wahlen der Legislative in Frankreich

Ebenso wie die Präsidentschaftswahlen bestehen auch die französischen Parlamentswahlen aus zwei Wahlgängen. Kandidaten, die in der ersten Runde mehr als 50% der Stimmen auf sich vereinen können, sind automatisch gewählt. Erreicht kein Kandidat mehr als die Hälfte der Stimmen, können in der zweiten Runde diejenigen antreten, die im ersten Wahlgang mindestens 12,5% der Stimmen erhalten haben. En Marche! tritt als neue Partei gegen äusserst erfahrene Mitstreiter aus den Reihen der etablierten republikanischen und sozialistischen Parteien an, die in der Vergangenheit häufig zusammengearbeitet haben, um den rechtsextremen Front National daran zu hindern, Sitze zu gewinnen.

Quelle: AdvisorWorld.ch