Vontobel : Fokus 2. Quartal 2017

Wie schnell sich die Situation in Europa ändern kann: Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich triumphiert der Politikneuling Emmanuel Macron mit einem pro-europäischen Programm…..

Von Christophe Bernard (Vontobel-Chefstratege) und  Andreas Bentzen (Portfoliomanager Global Invest, Vontobel)


Raiffeisen Fonds – Global Invest

2. Quartal 2017


In Grossbritannien sitzt die europaskeptische Premierministerin Theresa May nach den Parlamentswahlen plötzlich nicht mehr so fest im Sattel. 

Was hingegen vorerst bestehen bleibt, ist die extrem lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Davon profitieren auch die Finanzmärkte, denn ein Teil der in den Bankenkreislauf gepumpten Liquidität fliesst dorthin. Dies ist eine Spätfolge der Finanzkrise, die die Zentralbanken der Industrieländer zu mancherlei Verrenkungen zwang. Das Ziel, die Wirtschaft zu unterstützen, scheint nun mancherorts erreicht. Doch den „liquiditätssüchtigen“ Patienten auf Entzug zu setzen, gestaltet sich als schwierig. Manchen Währungshütern dürfte der berühmte Song „Hotel California“ der Eagles aus dem Jahr 1977 in den Ohren klingen. Darin geht es um die panische Suche nach einem Ausweg, um von einem wundervollen und doch bedrohlichen Ort zu flüchten.

Wir gehen davon aus, dass das süsse Gift der überreichlichen Liquidität noch eine Weile fliesst. Derweil steigt die Bewertung beispielsweise an den Aktienmärkten in beträchtliche Höhen. Dies stellt die Anleger vor eine echte Herausforderung, müssen sie doch aus zwei Übeln wählen: Entweder sie folgen blind der Masse und kaufen zu hohen Preisen, oder sie richten sich äusserst defensiv aus und entscheiden sich für flüssige Mittel. Unseres Erachtens besteht indes Spielraum für einen ausgewogenen Ansatz: In einem ersten Schritt stehen solide Bewertungskriterien bei den Portfoliopositionen im Vordergrund. In einem zweiten Schritt empfehlen sich Gewinnmitnahmen, sobald die Kursziele erreicht sind – selbst auf die Gefahr hin, dass ein frühzeitiger Verkauf zu Frustration führt.

Aktien: Zykliker und IT bevorzugt, viel Cash in der Reserve Wie im ersten Quartal bleiben wir weiterhin in den Aktien neutral gewichtet. Dabei bevorzugen wir europäische Werte (übergewichtet) gegenüber den amerikanischen Aktien (untergewichtet). Die Wahl Macrons zum französischen Staatspräsidenten ist in unseren Augen ein Lichtblick, gerade vor dem Hintergrund einer Reihe von geopolitischen Unsicherheiten. Schweizer Titel sind ebenfalls leicht übergewichtet. Gleichzeitig schätzen wir die unverändert gute Gewinndynamik der Unternehmen. Dies führt dazu, dass wir zyklische Werte bevorzugen, da sie in der Regel vom konjunkturellen Schwung überdurchschnittlich profitieren. Dazu zählen etwa die europäischen Banken. Im IT-Sektor (zumeist USFirmen) haben wir in den vergangenen Wochen immer wieder einmal Gewinne realisiert, ohne unser Übergewicht in dieser Branche zu eliminieren. Unser Übergewicht im Energiesektor hingegen (vor allem Erdöl) entwickelte sich bislang noch nicht gemäss unseren Erwartungen: Wir rechnen aufgrund der angekündigten Produktionskürzungen der OPEC und auch Russlands mit steigenden Notierungen für das „schwarze Gold“. Handkehrum sind wir in den defensiven Industrien wie Telecom oder den Versorgungswerten untergewichtet. Schliesslich haben wir ein Übergewicht in unserer Cashposition – wir halten unser Pulver trocken für den Fall einer Korrektur an den Aktienmärkten.

Anleihen: Ein Wadi in der Zinswüste Die Schweizerfranken-Obligationen blieben auch im zweiten Quartal wenig attraktiv. Nach wie vor erscheint ein Engagement nicht aussichtsreich: Wir erwarten leicht anziehende Zinssätze, also fallende Notierungen für die Anleihen und sind daher im Vergleich zum Benchmark untergewichtet. Das gilt insbesondere für Staatspapiere, deren Renditen noch bescheidener ausfallen als jene von erstklassigen Unternehmensanleihen, die wir daher bevorzugen. In dieser Zinswüste gibt es gleichwohl das eine oder andere Wadi (das Wort stammt aus dem Arabischen, und beschreibt ein meist ausgetrocknetes Flussbett, das sich jedoch nach – seltenen – Regenfällen rasch in einen reissenden Strom verwandeln kann). So haben wir eine Position und damit ein Übergewicht in Anleihen von Schwellenländern in deren Lokalwährung aufgebaut. Die damit verbundenen Risiken, das Kredit- oder auch Länderrisiko einerseits und das Währungsrisiko anderseits, halten wir vor dem Hintergrund der attraktiven Rendite für vertretbar. Ausserdem können die Währungen von Schwellenländern sogar gegen den Schweizer Franken fester tendieren, zumindest zeitweise.

Aussicht: Tiefe Obligationenquote und Vorbereitung auf etwaigen Rückschlag bei den Aktien Mit Anleihen ist kein Staat zu machen. Steigende Zinssätze sind Gift für Obligationenkurse und im Zuge der konjunkturellen Erholung ist mit sinkenden Zinssätzen kaum zu rechnen. Einen möglichen Rückschlag bei den Aktien – geopolitische Risiken auf der einen Seite, die doch stolze Bewertung auf der anderen Seite – würden wir schliesslich als Gelegenheit betrachten, unsere hohe Cashposition für Aktienkäufe zu nutzen. 

Quelle:  AdvisorWorld